Corona-Krise im Seniorenzentrum

Altenheimbewohner wütend über Isolation: „Karl, Du sitzt doch nicht im Knast“

Wenn Karl Keller von den Besuchbedingungen im Seniorenzentrum berichtet, hört er nicht selten ein ungläubiges, „Karl, Du sitzt doch nicht im Knast“.
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Wenn Karl Keller von den Besuchbedingungen im Seniorenzentrum berichtet, hört er nicht selten ein ungläubiges, „Karl, Du sitzt doch nicht im Knast“.

Karl Keller (78) aus Mühlheim hat seit Monaten weder Freunde noch Verwandte gesehen. Er übt harsche Kritik an der Art der Isolation, wie sie im DRK-Altenheim verhängt ist.

Der Mühlheimer Karl Keller erzählt, wie sich in Corona-Zeiten sein Alltag als Bewohner des DRK-Altenheims anfühlt. Seit Mitte März darf der Mann nicht raus, seit Monaten sieht er weder Freunde noch Verwandte. Dafür nervt ihn das Geschwätz von unten. Der 78-Jährige heißt nicht Karl Keller. Doch seinen richtigen Namen will der Mann nicht in der Zeitung lesen. Keller betont, „wegen der Heimleitung ist mir das aber egal, die wissen ohnehin, wer dahinter steckt“.

Keller erzählt, vor anderthalb Jahren eingezogen zu sein. Mit seinem Herzleiden hätte er sich alleine zu Hause auf Dauer nicht mehr versorgen können. Trotz allem, was er wegen Corona seit März erlebe, „den Umzug habe ich nicht bereut“.

Corona-Krise in Mühlheim: Bewohner darf Altenheim seit März nicht verlassen

Altenheime haben mit Covid-19 besonders zu kämpfen. Wer hier lebt, gehört zur Risikogruppe. Nach einer Statistik aus dem Juni starben in Spanien rund Dreiviertel der bis dahin 27000 Corona-Toten des Landes in Altenheimen. Von der ethischen Seite abgesehen, Altenheime sind Wirtschaftsbetriebe, die meist Spitz auf Knopf rechnen. Wenn binnen weniger Tage plötzlich ein Dutzend Mieter sterben, schlägt der Buchhalter Alarm. Außerdem eignet sich so eine Meldung nicht als Werbebotschaft.

Was Keller von den Hygiene-Maßnahmen im Mühlheimer Altenheim des DRK an der Offenbacher Straße erzählt, wirft die Frage auf, die sich nur individuell beantworten lässt: Unter welchen Umständen fühlt sich das Leben noch lebenswert an? Wer kann, vermeidet etwa einen Besuch beim Zahnarzt. Ansonsten heißt das zwei Wochen Quarantäne, was einem Zimmerarrest gleich kommt. Keller berichtet, seit Mitte März dürfe er das Heim nicht mehr verlassen, „der Portier würde mir den Knopf nicht drücken“. Besuch könne man nur einmal die Woche für eine Stunde empfangen.

Corona-Maßnahmen in Mühlheim: Über 65 Jahren darf niemand ins Altenheim

Der 78-Jährige nennt ein paar Punkte aus dem Maßnahmenkatalog, deren Sinn sich nicht von selbst erschließt. Über 65-Jährige dürften nicht rein. Weil aus seinem sozialen Umfeld niemand jünger sei, hieße das für ihn, „seit Monaten kommt niemand mehr“. Von Mitbewohnern wisse er, dass während Besuchergesprächen unten im Garten im Zelt stets eine Sozialarbeiterin dabei sitze, „in Hörweite von drei Metern“. Wenn er das jemandem am Telefon berichte, erlebe er stets ungläubiges Staunen, „Karl, Du sitzt doch nicht im Knast“.

Telefonisch will der Heimleiter die Aussagen nicht kommentieren. Auf jede Frage folgt, „das werde ich nicht beantworten“. Der Mann verweist an übergeordnete Stellen. Das DRK führe aus, „was aus Wiesbaden kommt“.

Mühlheim: Legt das DRK die Corona-Regeln maximal streng aus?

Das Gespräch wirkt, als stecke hier der Schrecken von 2017 noch in den Knochen, auch wenn die jetzige Leitung für die damaligen Ereignisse keine Verantwortung trägt. Eine junge Journalistin hatte sich als Praktikantin eingeschlichen und für einen Fernsehsender Misshandlungen von Pflegern an Patienten gefilmt.

Entweder herrscht zwischen dem DRK und Wiesbaden das Stille-Post-Prinzip, oder das Mülheimer Altenheim legt die Regeln maximal rigide aus. Alice Engel, Pressesprecherin des Hessischen Sozialministeriums, erklärt, in Einrichtungen für ältere und pflegebedürftige Menschen gelte, „pro Bewohner darf bis zu dreimal pro Kalenderwoche ein Besucher erscheinen“. Dass über 65-Jährige keinen Einlass erhalten, wie Keller berichtet, lässt sich aus keiner Vorschrift ableiten, ebenso wenig wie, dass Gespräche zwischen Bewohnern und Besuchern abgehört werden müssten.

Altenheimbewohner aus Mühlheim: Erst in die Kirche, dann zum Cousin

Auch Keller hört sich Unterhaltungen an, allerdings unfreiwillig. Von seinem Zimmer im dritten Stock müsse er häufig am Leben der anderen teilnehmen. Unten im Café unterhielten sich die Leute zuweilen so laut, „dass ich jedes Wort verstehe“. Inhaltlich weckten die Themen nie sein Interesse. Er wollte weder wissen, welches Kleid die Enkelin trage, „noch, was es gestern bei Erna zu essen gab“. Für das Ende von Corona hat Keller schon einen Plan, „erst gehe ich in die St. Markus-Kirche, dann besuche ich meinen Cousin“. (Von Stefan Mangold)

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