Gravierende wirtschaftliche Lage

Schausteller über Auswirkungen der Corona-Pandemie: „Eine Katastrophe“

Schausteller steht vor einem seiner Fahrzeuge
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Horst Ferling übernahm als Schausteller das Familiengeschäft, das sein Großvater gründete.

Die ersten Auto-Scooter rollen nach der Zwangspause wieder. Allerdings nicht die von Horst Ferling. Und das hat gute Gründe, wie der Chef der ältesten Schausteller-Betriebe im Land zwischen den geparkten Transport- und Wohnwagen erläutert.

Mühlheim – Seit einem Dreivierteljahr haben die schweren Gefährte die Halle an der Dietesheimer Straße nicht mehr verlassen, schildert der Waldheimer mit Wurzeln in Frankfurt. Mit einer Ausnahme. Zwei Scooter-Geschäfte, zwei Süßwaren- und Imbisswagen gehören der Firma Ferling, insgesamt 15 Fahrzeuge.

Die führten er und einige Mitarbeiter im März dem TÜV vor, was für die Schausteller jedes Jahr erforderlich ist – und eine stattliche vierstellige Summe verschlingt. Dazu werden ebefalls Haftpflichtversicherung und Steuer fällig, „Geld, für das eine alte Frau lang stricken muss“, scherzt Ferling. „Mühlheim war schon lange wieder eine Nummer zu klein“, schildert er die Situation seiner Firma. Diese verfüge in Hanau über eine weitere, größere Halle, die vermietet sei. Geschickt war diese Entscheidung sicherlich, neben dem Unterstand für die Zugmaschinen und Anhänger Unterkünfte für Arbeiter und einige Wohnungen zu bauen. Diese Einnahmen halten derzeit zumindest den Vermieter über Wasser.

Bereits Mitte März hätte Ferling mit seinen Helfern auf dem Ostermarkt in Bad Orb gestanden, dann auf der Dippemess’ in Frankfurt. Auf dem Fahrplan wären die Frühjahrs-Messe in Gießen, Rummelplätze in Lauterbach, Alsfeld und das Trachtenfest in Schlitz in diesen Tagen gefolgt.

„Die Feste wurden nacheinander abgesagt.“ Die Kerb in Flörsheim wurde erst vor acht Tagen gestrichen, auch das Oktoberfest in Mühlheim findet nicht statt. Die Saison endet für die Ferlings normalerweise am letzten Wochenende im November in Eltville. Ob das auch in diesem Jahr so ist, steht noch nicht fest.

„Für viele kleine Betriebe lohnt sich das nicht mehr“, ist sich der Unternehmer sicher, „die Pandemie ist für uns alle eine Katastrophe“. Ferling rechnet damit, dass viele Kollegen bald „nicht mehr zurechtkommen“ werden. Er berichtet von „gut gemeinten Versuchen“ in Dortmund, Eschwege, Hanau und Lohr, die Schausteller „mit Abstand“ in Veranstaltungen einzubinden. In München sollen die Fahrgeschäfte auf einem abgesperrten Gelände laufen. Im Eintrittspreis sei die Nutzung der Attraktionen enthalten.

Corona in Mühlheim: „Das funktioniert mit Maske und Hygieneregeln nicht“

„Das funktioniert mit Maske und Hygieneregeln nicht“, hört der Wahl-Offenbacher immer wieder von Bekannten, die an diesen Konzepten teilnehmen. „Es lohnt sich einfach nicht“, lautet die Rückmeldung. „Ich brauche mindestens drei Leute, um Zuckerwatte zu machen, Mandeln zu brennen und frisches Popcorn herzustellen“, sagt Ferling. Die Angestellten benötigen Zimmer im Hotel oder einen Wohnwagen. „Und ich kann sie nicht nur für die Wochenenden bezahlen, wenn ein Markt geöffnet ist“, sagt der Chef.

Die meisten seiner erfahrenen Helfer stammen aus Ländern Osteuropas und sind derzeit daheim. Sie müssten also erst einmal herbeigeholt werden, gibt Ferling zu bedenken. Weil auch das sich nicht lohnt, bleibt er mit seiner Frau und den Töchtern Nadine und Tanja, die sonst einen der beiden Autoscooter betreuen, zu Hause, schaut Fernsehen und besucht Freunde. „Urlaub gibt es nicht“, hat er entschieden und plaudert über die Familiengeschichte.

Diese begann Ende des 19. Jahrhunderts, als Großvater Heinrich Ferling sich nacheinander kleine Karussells, eine Schiffsschaukel und eine Schießhalle anschaffte. Die Rundfahrgeschäfte hat er selbst konstruiert. Ebenso hielt es Vater Wilhelm, Jahrgang 1903, mit seinem ersten elektrischen Scooter anno 1932. Sohn Horst – geboren 1939 – erinnert sich: „Ich hab’ nach der Schule den Ranzen in die Ecke geschmissen und Eisenplatten zusammengeschraubt.“

Er absolvierte eine Schlosserlehre, aber der Beruf stand von Kindesbeinen fest – der einzige Spross der Schaustellerfamilie stieg ins Geschäft ein. W��hrend des Kriegs blieben die Festplätze geschlossen. Anno 1946 bauten sie ihr Angebot zur Messe Frankfurt erstmals wieder auf, damals noch am Ostpark. „Da kostete ein einziges Autos für die Anlage 2200 Deutsche Mark“, weiß der heutige Firmeninhaber noch genau. „Einen VW Käfer hast du für 2600 Mark gekriegt.“

Damals verfügte ein Autoscooter über 22 bis 30 Wagen. Heute sind es zwischen 26 und 28 – und einer kostet rund 6000 Euro. Hinzu kommen Ausgaben für Kassenwagen, Gleichrichter, Schalttafel – insgesamt 1,5 Millionen Euro. Solch ein Geschäft lohne sich heute nicht mehr, zu dieser Zeit schon gar nicht. (Michael Prochnow)

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