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DGB-Ortsverband löst sich zum Ende des Jahres auf

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Von: Ronny Paul

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DGB-Logo
Das Logo des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). © Christoph Schmidt/dpa/Archivbild

Mühlheim – Zum Jahresende ist Schluss. Der DGB-Ortsverein wird sich zum 31. Dezember auflösen. Damit endet eine mehr als 120-jährige Gewerkschaftstradition in der Mühlenstadt. Es findet sich kein Vorsitzender mehr.

Fast das gesamte bisherige Jahrtausend stand Thomas Schmidt an der Spitze des Mühlheimer DGB. Doch der 61-Jährige möchte nicht mehr. Er habe lange darüber nachgedacht und sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, sagt der ehemalige SPD-Stadtverordnete. Doch vor allem die Corona-Pandemie habe ihn zu seinem Schritt bewogen. „Corona hat uns zwei Jahre lang alles verhagelt.“ Keine Vorträge, keine Podiumsdiskussion, keine Maikundgebung und keine Gedenkveranstaltungen – „nichts war möglich“, sagt Schmidt. Auch fürs kommende Jahr sei zu befürchten, dass die Maikundgebung ausfällt. Und umso länger die Pause, umso schwerer werde der Neustart fallen, meint er.

Mühlheim: DGB hat in der Stadt eine lange Tradition

Einen Neustart nach der Stunde null wagte der DGB nach dem Zweiten Weltkrieg. Von den Nazis verboten formierten sich Gewerkschaftler und gründeten das DGB-Ortskartell. Doch die amerikanische Militärbehörde wollte das Ortskartell zunächst nicht genehmigen. Auch die erste Maikundgebung nach dem Krieg, 1946, billigten die Amerikaner nicht. Trotz der Widrigkeiten nahm der DGB seine Arbeit auf. Erster Vorsitzender wurde Jacob Ricker vom Metallbetrieb Mayer und Fritz, die spätere EHA-Ventilfabrik. In den Folgejahren gab der DGB Anregungen für kulturelle Veranstaltungen, Straßenbeleuchtung, eine Hochwasserrampe für die Fähre und für den Ausbau der Straßen. Kommunalpolitisch beschäftigte den DGB unter anderem immer wieder die Schranke am Bahnhof, er setzte sich aber auch für einen ärztlichen Sonntagsdienst, die Renovierung von Spielplätzen oder die Einrichtung von Verkehrsampeln ein.

Die gewerkschaftliche Arbeit in Mühlheim begann jedoch nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Bereits 1868 existierte ein Arbeiterverein, dem mindestens 20 Mitglieder angehörten. Verschiedene Quellen weisen auch einen Arbeitersportverein beziehungsweise einen Arbeiterbildungs- und Unterstützungsverein in Dietesheim aus. Seit 1895 sind Gewerkschaften in Mühlheim dokumentiert, das mit Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhundert eine Industriestadt war. Zementsteinwerk, Basaltabbau, Hartsteinindustrie, Leder- und Schuhfabriken: Vor dem Ersten Weltkrieg waren etwa 1000 Arbeiter in Lohn und Brot und etwa doppelt so viele fuhren in die Nachbarstädte, überwiegend nach Offenbach. 1913 zählen von etwa 1550 Haushalten 78,5 Prozent zu den lohnabhängigen Familien.

Mühlheim: Es findet sich kein Nachfolger für den DGB-Vorsitz

Aktuell gebe es in Mühlheim rund 2000 Menschen in einer DGB-Gewerkschaft. So genau könne er das aber nicht sagen, darüber gebe es keine offiziellen Unterlagen, sagt der scheidende DGB-Vorsitzende. Die Entscheidung, aufzuhören, sei länger in ihm gereift. Im Sommer habe er dann den DGB-Ortsverbandsvorstand über seinen geplanten Schritt informiert, sein Mandat weiterreichen zu wollen, sagt Schmidt. Das Bedauern sei riesengroß gewesen, erinnert sich der gelernte Metallfacharbeiter und spricht von einem flauen Gefühl im Magen. Doch dass der scheidende Vorsitzende damit auch das Ende des Mühlheimer DGB besiegelt, hatte er wohl so nicht erwartet. Dem DGB geht es aber so wie vielen Vereinen. Nachwuchs zu finden, ist schwer. Es gebe keinen, der die Nachfolge antreten wolle, sagt Schmidt. „Die Allerwenigsten wissen, wie viel Arbeit das macht und was es für eine Aufgabe ist.“

Und so hat sich der Vorstand vor Kurzem zusammengesetzt und die Auflösung besiegelt. „Das tut uns allen weh“, sagt Schmidt. „Es nützt aber auch nichts, es weiterlaufen zu lassen.“ Er bleibe weiter Gewerkschaftler bei der IG Metall und stehe auch für Rat und Hilfe in Gewerkschaftsfragen zur Verfügung. Der DGB Kreis Offenbach werde nach einer Lösung suchen, wie sich der Verband weiter in Mühlheim präsentieren werde.

Magistratsmitglied Karl-Heinz Stier, der mehr als 50 Jahre Mitglied einer Gewerkschaft ist und auch aktuell noch dem DGB-Ortsverbandsvorstand angehört, bedauert ebenso die Auflösung: „Der DGB hat sich immer um Mühlheimer Angelegenheiten gekümmert. Schade, dass das nun vorbei ist.“ (Ronny Paul)

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