Nach 32 Jahren

Diabetologe Dr. Werner Forchheim übergibt an seinen Nachfolger

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Nach 32 Jahren kurz vorm Ruhestand: Dr. Werner Forchheim übergibt seine Praxis im Sommer an seinen Nachfolger.

Mühlheim - Nach 32 Jahren in Mühlheim übergibt gibt Dr. Werner Forchheim im Sommer seine Praxis im Ärztehaus am Südring an seinen Assistenten. Forchheim, ein Facharzt für Allgemeinmedizin, erwarb sich auch als Diabetologe einen Ruf. Von Stefan Mangold 

Der Selbsthilfegruppe der Diabetiker will er auch im Ruhestand als Ratgeber zur Verfügung stehen. Ursprünglich wollte Werner Forchheim ja Gymnasiallehrer für Mathe und Physik werden. Grund war sein naturwissenschaftliches Interesse, „und andererseits wollte ich mit Menschen arbeiten“. Kurz vor seinem Abitur fragte ihn sein Hausarzt im hessischen Grünberg, ob er nicht später dessen Praxis übernehmen wolle. Daraus hätte zwar nur schwer etwas werden können, „ich musste ja erst mal sechs Jahre studieren“. Aber irgendwie legte der Mann den Keim für den Berufswunsch seines jungen Patienten.

Nach der Grundausbildung als Sanitäter konnte sich Forchheim im Bundeswehrkrankenhaus von Gießen über 15 Monate ein Bild davon machen, wie es im Arztberuf zugeht. Anschließend studierte er an der Universität Gießen. Als Mediziner ließ sich das Zusammenspiel von Humanität und Naturwissenschaften vielleicht auch geschmeidiger realisieren denn als Mathe- und Physiklehrer.

Erst recht als Diabetologe, als Vertreter einer Disziplin also, in der es „wie kaum in einer anderen um den Menschen als Ganzes geht“.

Man unterscheidet den Diabetiker zwischen Typ 1 und Typ 2. Zum ersten zählen die Patienten, die von Krankheitsbeginn an täglich spritzen müssen, „weil sie aufgrund einer genetischen Prädisposition kein Insulin mehr produzieren können.“ Was wiederum nicht bedeute, dass es jeden, der das Erbgut in sich trägt, tatsächlich erwischt, „das betrifft nur zwischen fünf bis zehn Prozent“.

Patienten aus der Kategorie Typ 2 könnten ihren Diabetes in der Regel viel besser in den Griff bekommen. Das lässt sich alleine anhand der Zahlen vermuten. In den ersten Nachkriegsjahren lag die Rate beim Typ 2 bei annähernd null Prozent. Als der Allgemeinmediziner vor 22 Jahren begann, sich der Diabetologie zu widmen, „waren hierzulande knapp fünf Prozent betroffen“. Die Zahl verdoppelte sich, Tendenz stark steigend. Die Ursache für Typ 2 ist fast immer optisch erkennbar: Übergewicht. „Die eigene Insulinproduktion steigert sich nicht proportional zu den Fettzellen“, erklärt Forchheim.

In den sechziger Jahren betraf die Krankheit hauptsächlich gesetzte Herren im mittleren Alter, die auf ihr täglich Schnitzel oder Rippchen nicht verzichten wollten. Der Bauch signalisierte Teilhabe am Wirtschaftswunder. Kinder hingegen waren bis auf das eine Klassenpummelchen schlank - kein Wunder. „Nach den Hausaufgaben rannten wir alle raus“, erinnert sich Forchheim. Die heutige virtuelle Smartphone-Online-Welt aber schafft nicht nur reale Einsamkeit, sondern auch Adipositas. Forchheims bisher jüngste Typ 2-Patientin war 15 Jahre alt.

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Gerade bei Jugendlichen mache es aber keinen Sinn, ihnen mit Horrorszenarien auf die Sprünge zu helfen, mit Warnungen vor schwarzen, abgestorbenen Zehen und Herzinfarkten, auch wenn die nicht aus der Luft gegriffen seien. Was auch erwachsene Patienten viel eher dazu bringe, ihre Gewohnheiten zu ändern, „sind die messbaren Erfolge“. Wenn der Blutzuckerwert in der Kontrolltabelle sukzessive sinkt, weil die zwei Liter Cola mit ihren 62 Zuckerstücken genauso entfallen wie das Pfund Gummibärchen, steigt es sich einfach leichter die Treppen hoch und das Doppelkinn geht zurück. Forchheim erzählt von Patienten, die langsam 40 Kilo abnahmen und ihr Gewicht auch hielten. „Die packen das, weil sie die neue Lebensqualität genießen“, erklärt der Arzt die Disziplin.

Vor 20 Jahren rief Forchheim die Diabetiker-Selbsthilfegruppe in Mühlheim ins Leben. Die empfand der Fachmann nie als eine Einbahnstraße, „ich habe dort viel gelernt, was ich an meine Patienten weiter gegeben konnte“. Am 29. Juni wird er zum letzten Mal mal als praktizierender Arzt in seiner Praxis sein. Ab dem 2. Juli übernimmt sein Assistent Dr. Umer Hameed. „Der Selbsthilfegruppe bleibe ich aber verbunden.“

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