Quarantäne statt Kirchweih

Mühlheim: Dietesheimer Kerbborsch erhält trotz abgesagter Kerb ein neues Aussehen

Eine Familie steht um einen Kerbborsch herum.
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Im Kreise seiner Familie: Familie Brenner und Kerbborsch-Träger Thomas Ricker kümmern sich um das Symbol der Dietesheimer Kerb.

„Wem ist die Kerb?“ Der Schlachtruf der Basaltköpp hätte am Wochenende eigentlich durch den Dietesheim geschallt. „Unser“, brüllen die Gefragten normalerweise im Chor zurück. Doch in diesem Jahr ist die 44. Dietesheimer Kerb dem Coronavirus zum Opfer gefallen. Der Kerbborsch allerdings sitzt bei seiner Kerb-Mama und den Großeltern in Quarantäne.

Mühlheim – Sonja Benner ist seit fünf Jahren die „Mama“. Zuvor haben ihre Eltern 20 Jahre den Herrscher über die Kerb gehegt, die gelernte Schneiderin Hedwig und ihr Ehegatte, und Ex-Babbscher, Reinhard „Jean“ Benner. Eigentlich hätte Tochter Sonja am Freitag ihren Hof geschmückt, Luftballons, Bändchen und Schleifchen aufgehängt. Das Bier hätte eine Firma aus Maintal gestiftet, die „Borsch-Mama“ hätte Süßigkeiten für die Kinder gekauft. Kurz nach 17 Uhr wären dann die Musiker mit viel Anhang in die Peterstraße eingebogen, um die Figur abzuholen. Aber die Kerbmacher fürchteten, die Regeln zur Eindämmung der Pandemie nicht einhalten zu können.

Der Kerb-Borsch fristet das Jahr über im Schwesternhaus sein Dasein. Kerbborsch-Träger Thomas Ricker chauffiert ihn am Freitag vom Dietesheimer Hochfest mit dem Auto zur Familie Benner. Bei ihnen wird die Puppe dann entstaubt, das Hemd gewaschen und die Muskulatur mit Stroh aufgebaut, schildert Sonja Benner.

„Der Unterbau ist noch von Eugenie Moll“, sagt die Kerb-Mama und erwähnt ihre Vorvorgängerin. Dieser besteht aus Dachlatten und einem hölzernen Kleiderbügel. „Das war sturmfest, da wäre nie was passiert“, versichert „Schaa“ Benner. Er versah den Kerb-Boss noch mit einem Frühstücksbrettchen unterm Allerwertesten, „damit er nicht vom Stuhl rutscht“.

Sonja Benner hat ihrem Schützling im Internet ein neues Gesicht gekauft, „die alte Maske hatte zu weibliche Gesichtszüge und sah einfach gruselig aus“. Trug die Puppe früher einen schwarzen Anzug, hat sie jetzt Jeans und Turnschuhe an, die Kerb-Opa Reinhard sicherheitshalber angeschraubt hat. Der Borsch trägt einen Bogart-Hut statt des alten Zylinders, Turn- anstelle von Lackschuhen.

Selbst eine weiße Männerunterhose mit Schlitz hat er bekommen, die Schaumgummi-Einlage stammt noch von Eugenie Moll. Und weil die Hemden rasch vergilben, hat Küster und Fahnenschwenker Thomas Bihn schon so manches eigene Oberhemd gespendet.

Sonja Benner hat dem Kerb-Mann obendrein eine neue Perücke gekauft und zurechtgeschnitten, einen Vollbart mit Klebespray wetterfest fixiert und ihm einen schwarzen Mundschutz mit Weißbierglas darauf spendiert. Das leere Sektglas wurde durch eine Flasche Bier ersetzt. „Nächstes Jahr wird er 45“, sagt Sonja Benner.

1990 soll der Kerbborsch sogar eine Freundin gehabt haben, erzählt die Runde, da hatte man ihm eine Puppe im gleichen Stil am Schwesternhaus daneben gesetzt. Das war auch die Zeit, als Jugendliche aus dem Unterort, der Sportlerkneipe Hartmann, den Borsch entführt haben, als er noch über den Eingang zum Garten des Schwesternhauses thronte. Gegen ein Fass Bier hatte die Kerbgemeinde ihren „Herrscher“ ausgelöst. Danach sicherte Reinhard Ricker, der langjährige Leiter des Brauchs, den Borsch mit einer Sirene und holze ihn nachts ins Haus.

„Früher haben einzelne Gaststätten einen Kerbborsch vors Lokal gesetzt als Zeichen, dass geöffnet war“, sagt Ricker. Nur 1974 bis 1976 wurde die Kirchweih bei Fußballern und Turngemeinde gefeiert. „Aber das hatte die Bevölkerung nicht gut angenommen.“ 1977 feierte die Kirchengemeinde die erste Kerb, wie es heute noch Brauch ist, in kleiner Form, erinnert sich der Rat von St. Sebastian. „Wir hatten das Kinderkarussell vom Schwesternhaus auf die Straße gestellt“, erst später gesellten sich bis zu acht Fahrgeschäfte, darunter ein zweistöckiges Karussell, auf Ober- und Unnergass’. (Von Michael Prochnow)

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