„Man spürt Tod und Leid heute noch“

Ebert-Gymnasiasten präsentieren ihre Erfahrungen nach Auschwitz-Besuch

Teils als szenisches Theater zeigen Schüler, welchen Eindruck der Besuch in Auschwitz hinterlassen hat.
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Teils als szenisches Theater zeigen Schüler, welchen Eindruck der Besuch in Auschwitz hinterlassen hat.

Mit einer großen Liebe endete der Blick in die Hölle. „Der Tätowierer von Auschwitz“ hatte den Gefangenen des Konzentrationslagers die Nummern auf den Unterarm tätowiert.

Mühlheim – Beim Anblick Gitas brannte sein Herz, und das haben die Oberstufen-Schüler des Friedrich-Ebert-Gymnasiums nach ihrem Besuch in Polen und der Lektüre der wahren Geschichte der beiden Holocaust-Überlebenden in ihre Präsentation integriert. Momente, die unter die Haut gehen, erfüllten das Pfarrheim St. Sebastian.

Lale und Gita treffen sich immer wieder, geben sich Zeugnis, dass die Flammen der Liebe sich nicht ersticken lassen. Sie überleben, begegnen sich durch Zufall wieder, heiraten und leben in Australien. „Ich bin Anna Fuhrmann, das war die Geschichte meiner Eltern“, endeten die Szenen. Schwarze Kleidung, schwarzer Vorhang und die Reduzierung auf Silhouetten, versteinerte Mienen und monotone Stimmen lenkten den Blick auf die Essenz des Geschehens und die tiefschürfenden Eindrücke.

Schulleiter Stefan Sturm verwies eingangs auf das „breite gesellschaftliche Bündnis gegen Rechts“ in der Mühlenstadt, das gemeinsam für Vielfalt und Toleranz eintrete. Es gelte, wachsam zu bleiben, als Demokraten zusammenzustehen. „Noch nie ist eine rechtsextremistische Gewalttat so nah an uns gerückt“, erinnerte er an die Attentate von Hanau und die „Bedrohung durch rechtes Gedankengut“. Schulen müssen für Bildung und Information sorgen, sagte er und verlas die Namen der Getöteten.

Im Block 27 in Auschwitz liege ein monumentales Buch mit den Namen von Millionen Opfern, das ihnen mit ihrer Identität eine letzte Würde gebe. Bürgermeister Daniel Tybussek lobte das Projekt „Mensch, erinnere, was geschah“ im 30. Jahr als „Beitrag gegen das Vergessen“. Er sehe, dass rechte Parolen wieder salonfähig werden. Für den Schulsprecher steht Auschwitz „sinnbildlich für eine menschenverachtende Ideologie“. Dann huschten Fotos von Gefangenen und von Friedrich-Ebert-Gymnasiasten zu Klavierklängen über die Leinwand. Die Gruppe schilderte Ankunft und Selektion an der Rampe. Schwangere und Ältere wurden sofort aussortiert und ermordet, ebenso Mütter von Kindern. Die Jugendlichen beschäftigten sich mit Frauen als Täterinnen, von „Funktionshäftlingen“, die als Dolmetscherinnen und „Blockälteste“ Vorzüge genossen, viele vor den Gaskammern retteten oder brutal mit der Peitsche zuschlugen.

Lilly, 19 und blond, fühlte als Zwangsprostituierte Wut, Trauer, Angst. Als sie schwanger war, verlor sie ihr Kind und wurde für Experimente unter dem Deckmantel der Medizin missbraucht. „Unvorstellbar und grausam mussten Frauen und Mädchen, Zwillingspaare, Kleinwüchsige, Sinti und Roma Verstümmelungen über sich ergehen lassen. Chef dieser Maschinerie war der Arzt Josef Mengele.

Auch die Fragen von Insassen, „wo war Gott in Auschwitz, lebt Gott noch?“, beschäftigte die Besucher im Ebert-Gymnasium. 700 Kinder wurden im Lager geboren, informierten die jungen Leute und zeigten Porträts weinender, hungriger, müder und verzweifelter Mädchen und Jungen. Die meisten kamen direkt nach der Ankunft im Lager in die Gaskammer.

„Ihr seid nicht schuld an dem, was geschah, aber verantwortlich dafür, dass es nicht wieder geschieht“, zitierten die 30 Gymnasiasten den Überlebenden Max Mannheimer. „Auschwitz prägt, man spürt Tod und Leid heute noch“, erklärten die Schüler, die hinter dem Lager eine Flaschenpost mit dieser Botschaft in das Flüsschen Sola warfen und weiße Rosen ans Ufer legten.

VON MICHAEL PROCHNOW

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