Medaillen, eine Fahne und Tradition

Erfolge auf zwei Rädern: Ein Blick in die lange Geschichte des RC Adler

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Gesichter des Vereins: Der Vorsitzende Günther Kaspar (links) und Technikmuseumsbetreiber Bruno Schmück, der dem RC Adler die Fahne von 1899 rettete.

Egal ob Verein oder Fanclub, keine feste Formation lässt sich ohne Fahnen und Standarten vorstellen. FÜR den RC Adler war es gar nicht so einfach sein wieder entdecktes Aushängeschild zurückzuerobern.

Mühlheim – Die Römer unternahmen Kopfstände, um in der Schlacht verlorene Feldzeichen wieder zu bekommen. 

Es wundert nicht, wenn der Vorsitzende Günther Kaspar erzählt, als Bruno Schmück und er Vereinskollegen einluden, um die Echtheit der Fahne des RC Adler 1899 Mühlheim-Dietesheim zu verifizieren, "standen ihnen Tränen in den Augen".

Zugegen waren Inge Pitzschel, Irene Marklein und Norbert Ostheimer, hochdekorierte Sportler im Club. Die Fahne sollte 1999 bei der 100-Jahr-Feier vor den Gästen hängen. Damals fiel auf, dass niemand wusste, wo das Symbol aus der Gründungszeit abgeblieben ist.

Fahne bei Händler in Darmstadt entdeckt

Im vergangenen Jahr bekam Bruno Schmück, der Betreiber des Technikmuseums Dietesheim, von einem Sammlerkollegen einen Wink, wo die Fahne des RC Adler mittlerweile steckt, "bei einem professionellen Händler in Darmstadt". Schmück nahm Kontakt auf. Der Mann hatte das Teil bei einer Haushaltsauflösung ergattert. Der Preis, den er nannte, ließ sich nicht aus der Portokasse des Vereins begleichen. Die Zeit reichte jedoch nicht, erst einen Beschluss des Vorstands einzuholen. Der Darmstädter hatte vor, das Exemplar auf der anstehenden "Veterama" in Hockenheim anzubieten, einem Veteranen-Teile-Technik-Markt mit tausenden Besuchern. Im Vorfeld hätte sich schon ein Interessent bei ihm gemeldet, behauptete der Händler. Schmück, der als Sammler von der Schreibmaschine bis zum Doppeldecker auch weiß, was für Preise für solche Devotionalen erzielt werden, wollte es nicht drauf ankommen lassen, herauszufinden, ob der Mann nicht blufft. Schmück kaufte die Fahne. Schließlich übernahm der RC Adler einen Großteil der Kosten. Den Rest deckte die Stadt.

Ein Bild aus dem Jahr 1952 lässt erahnen, auf welche Tradition der Verein blickt. Heute wäre es undenkbar, dass ein 16-Jähriger, der gerade die Deutsche Jugendmeisterschaft auf der Straße gewann, von halb Dietesheim am Bahnhof empfangen und in einem Triumphzug durch den Ort geführt wird. So erging es Norbert Ostheimer. Der Radfahrer steht mit dem Siegerkranz um den Hals auf der Hanauer Straße in einem Auto. Im Hintergrund ist das Schild der Vereinsgaststätte "Zur frischen Quelle" zu sehen. Dort hing einst auch die Fahne in einem Schrank. Als die Kneipe schloss, zogen die Radler in die Turngemeinde Dietesheim um. Der Schrank stand bei der Kegelbahn. Bei Renovierungsarbeiten verschwand er.

"Eigentlich brauchen die keinen Vorsitzenden"

Der RC Adler erlebte erfolgreiche Zeiten. In den Jahren 1986 und 1989 gewann die Kunstradfahrerin Heike Marklein die Weltmeisterschaft, trainiert von ihrer Mutter Irene Marklein. Etliche Deutsche Meistertitel in verschiedenen Disziplinen kamen hinzu, wie etwa die drei nationalen Titel von Claudia Lommatzsch in der 2000 Meter Verfolgung. Bei Weltmeisterschaften gewann Lommatzsch zweimal Bronze und einmal Silber. Vor 21 Jahren übernahm Günther Kaspar den Vorsitz des RC Adler. Der pensionierte Grundschulleiter saß selbst zwar niemals mit sportlichen Ambitionen auf einem Sattel, damals fuhren jedoch seine zwei Töchter Einrad im Club. Angesichts der nahenden 100-Jahrfeier gab Heinz Renk, der insgesamt 26 Jahre den Vorsitz übernommen hatte, den Stab weiter. "Renk war in erster Linie Sportler", erinnert sich Kaspar.

Weil der Trainer auf die Organisation des Jubiläums keine große Lust hatte, bat er Kaspar, zu übernehmen. "Eigentlich brauchen die keinen Vorsitzenden", beobachtet der Amtsinhaber. Radfahrer seien meist individuelle Charaktere, die nichts davon hielten, sich in ein Vereinskorsett zu zwängen.

Vor drei Jahren stellte der RC Adler das Training für Kunst- und Einrad ein. Übrig blieben drei Gruppen. Zur einen gehören die Mountainbiker, eine andere bilden jene, die nicht nur regelmäßig jenseits der hundert Kilometer über die Hügel des Spessarts fahren, sondern auch Alpenpässe nehmen. Die dritte Fraktion wähle die Touren so aus, dass sich unterwegs ein Biergarten finde. "Mit denen kann ich mich identifizieren", schmunzelt Clubchef Kaspar.

Stefan Mangold

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