„Bürgerwillen mit Füßen getreten“

Fährverbindung vor dem Aus: Bürgerinitiativen finden klare Worte zur Entscheidung des Kreises

Kurz nach der Havarie im vergangenen Sommer lag die „MS Dörnigheim“ noch neben dem Anleger am Ufer vertäut. Archivfoto: Häsler

Die Fährverbindung zwischen Mühlheim und Maintal steht vor dem Aus. Die zwei zwei Bürgerinitiativen reagieren erbost.

Mühlheim - Die Fährverbindung zwischen Mühlheim und Maintal, sie soll nach rund 120 Jahren wohl endgültig ein Kapitel der Geschichte beider Städte werden – diesen Beschluss hat am Dienstag, wie berichtet, der Kreissauschuss des Kreises Offenbach gefasst, die endgültige Entscheidung soll am 24. Juni nun der Kreistag treffen, so die Mitteilung aus dem Kreishaus, die für die Bürger und das Gros der Beteiligten zu diesem Zeitpunkt überraschend kam.

Dementsprechend erbost fallen auch die ersten Reaktionen der zwei Bürgerinitiativen aus Maintal und der Mühlenstadt aus. So werfen beide Initiativen sowohl den Kreisen Offenbach und Main-Kinzig als auch den Verantwortlichen beider Kommungen vor, den Weiterbetrieb der Fähre von vorneherein nicht wirklich gewollt zu haben, und stattdessen von Anfang an die Stilllegung zum Ziel gehabt zu haben.

„Sowohl die große Koalition im Kreis als auch jene in Mühlheim hat nichts für die Fähre getan“, ist Waltraud Kaiser von der BI-Mühlheim überzeugt. Deutlich fällt auch die erste Reaktion von Klaus Seibert von der Bürgerinitiative auf der anderen Mainseite aus. Der Beschluss ist unfassbar und ein Affront. „Ich sehe darin einen Willkürakt, der den Willen der Bürger mit Füßen tritt.“ Konstruktive Vorschläge hätten alle Beteiligten immer wieder abgebügelt oder mit einem vorgeschobenen Zuständigkeitsgerangel vom Tisch gewischt. Erst mit zunehmendem Druck aus der Bevölkerung sei man aktiv geworden. Auch Waltraud Kaiser ist erschüttert, über die überraschende Mitteilung: „Durch Corona lief in der letzten Zeit ja nichts. Noch vor ein paar Wochen haben wir uns mit dem Landrat getroffen.“ Da habe es geheißen, man sei weiter im Gespräch. Über das Timing spekuliert man auch auf der anderen Mainseite. Seibert: „In Zeiten, in denen Corona das einzige Thema zu sein scheint, lässt sich diese Maßnahme geräuschloser über die Bühne bringen. Und von der Kommunalwahl im März nächsten Jahres glaubt man noch weit genug entfernt zu sein, in der Hoffnung, dass bis dahin Gras über die Angelegenheit gewachsen ist.“

Die Vorwürfe, das Aus für die Fähre sei von vorneherein das Ziel gewesen, weist Mühlheims Bürgermeister Daniel Tybussek für die Stadt entschieden zurück. Bis zuletzt hätten alle Beteiligten an der Wiederaufnahme des Fährbetriebs gearbeitet, gar die Ausbildung von eigenem Fährpersonal geprüft.

Die nun getroffene Entscheidung sei alles andere als leicht gefallen, betont der Rathauschef. „Ich selbst habe gute Erinnerungen aus meiner Kindheit oder mit meinen eigenen Kindern, am Main spazieren zu gehen, mit der Fähre auf die andere Seite zu fahren und dort beispielsweise den Spielplatz zu besuchen“, sagt er.

Auch ihn erfülle das endgültige Aus daher mit Bedauern. „Verantwortungsvolles Handeln bedingt leider auch, unangenehme Entscheidungen treffen zu müssen“, betont Tybussek. Die bekannten Probleme wie der Mangel an ausgebildetem Personal und die fehlenden Wirtschaftlichkeit ließen jedoch keine andere Wahl.

So hat der Magistrat der Stadt Mühlheim in seiner jüngsten Sitzung ebenfalls eine dementsprechende Beschlussvorlage zur endgültigen Einstellung des Fährbetriebs eingebracht, über die Mühlheims Stadtverordnete in ihrer Sitzung am 25. Juni befinden müssen – einen Tag nach dem Kreistag. Damit will die Stadt die Entscheidung des Kreises billigen.

Denn auch ein Betrieb auf kommunaler Ebene sei nicht zuletzt aufgrund der „erheblichen rechtlichen Unsicherheiten“ nicht möglich, heißt es in der Begründung. So darf sich nach der Hessischen Gemeindeordnung eine Kommune nur dann wirtschaftlich betätigen, wenn der Zweck nicht ebenso gut und wirtschaftlich durch einen privaten Dritten erfüllt werden könne, hatte der Kreis in seiner Stellungnahme mitgeteilt und dabei auf die benachbarte Mainfähre Rumpenheim verwiesen, die als privates Unternehmen ohne öffentliche Zuschüsse fahre.

Das sieht die Mühlheimer BI jedoch ein wenig anders und führt als Argument die Mainfähre in Seligenstadt ins Feld. Diese werde von der Stadt in Eigenregie betrieben, bei jährlichen Kosten für die Stadt von rund 300 000 Euro, begründet Waltraud Kaiser. Dort seien allerdings die Voraussetzungen andere, erinnert Tybussek. Gemeinsam mit Landrat Oliver Quilling wolle er jedoch noch einmal mit der BI sprechen.

Verständnis für die Entscheidung signalisieren derweil Mühlheims Christdemokraten. „Es ist sehr schade, dass die historische Mainquerung an dieser Stelle nicht mehr angeboten werden kann“, teilt CDU-Fraktionsvorsitzender Marius Schwabe mit. Mit der blauen Fähre sei in der Mühlenstadt auch viel Nostalgie verbunden.

Dass es der Kreis nicht geschafft habe, die Fähre zu erhalten, sei nach den gemachten Erfahrungen leider zu erwarten gewesen, die Gründe aus Sicht der CDU grundsätzlich nachvollziehbar. Jedoch müssten sich der Kreis als Eigentümer sowie alle Beteiligten nun die Frage stellen, ob sie genug für den Erhalt der Fährverbindung getan hätten. „Für die Stadt Mühlheim lässt sich das zumindest zweifelsfrei bejahen“, ist Schwabe überzeugt.

VON THOMAS HOLZAMER

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