Bevor die Psychologie ruft

Erst mal die Hilfe für andere in Australien

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Kurz vorm Abschiedsschmerz: Franziska und ihre Eltern. 

Mühlheim - Franziska Johanna Kalesse ist 18 und hat gerade in der Marienschule ihr Abitur gebaut – Notendurchschnitt 1,4. Statt sich mit diesem Zeugnis in der Tasche gleich ins Studium zu stürzen, bereitet sie gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) vor – in Australien. Von Michael Prochnow

Reisen und helfen haben in der Familie Kalesse eine gewisse Tradition. Franziskas Schwester Philippa (20) arbeitete bis vor zwei Jahren in einem Kinder- und Jugendprojekt im Norden Chiles. Dort war die älteste der vier Geschwister „Missionarin auf Zeit“. Franziskas Stärken liegen auf Mathe und Chemie, die hat sie von Papa Darius, Ingenieur im Maschinenbau, und weniger auf Sprachen. Für einen Einsatz in Südamerika hätte die Abiturientin Spanisch oder Portugiesisch pauken müssen.

In den Naturwissenschaften müsse man nicht auswendig lernen, „nur logisch kombinieren“, sagt die junge Frau, „man kann alles herleiten“. In der Schule widmete sie sich bis zum Abitur auch dem Darstellenden Spiel, fand ihre Rolle in postmodernen Werken von Brecht und Stanislavski und in selbst ausgedachten Stücken über Drogenabhängigkeit und Stress.

Franzi fährt auf Sport ab. In der TSV Lämmerspiel trainiert sie mit Vanessa Stermann und Axel Rode Leistungsturnen. Im Vierkampf an Boden, Barren, Balken und mit Sprung hat sie sich bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin gerade ins vordere Zehntel gekämpft. Sie besitzt selbst einen Trainerschein und unterrichtet Kinder zwischen fünf und elf Jahren. Auch bei den Messdienern in St. Lucia leitet sie eine Gruppe, engagiert sich fürs Sternsingen in ihrer Pfarrei.

„Wir sind sehr gläubig erzogen, der Glaube spielt für mich eine zentrale Rolle“, bestätigt die überzeugte Katholikin. Im Musikverein Dietesheim spielt sie im Jugendorchester Saxofon wie auch die jüngsten Kalesses, Bruder Jacob (17) und Anna (12). Und so mag es auch nicht überraschen, dass Franziska längst weiß, wie es in ihrem Leben weitergehen soll: Sie möchte in der Umgebung Psychologie studieren.

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„Aber ich wollte mich nicht gleich nach der Schule festlegen, sondern eine Pause einlegen“, erklärt das Mädchen. „Ich habe im Internet FSJ eingegeben und Angebote im englischsprachigen Raum gesucht.“ Fündig geworden ist sie bei den „Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners“. Das Projekt Inala in Cherrybrook, einem Vorort von Sydney in New South Wales, biete sehr vielfältige Arbeitsbereiche. Die sozialtherapeutische Einrichtung wurde 1958 gegründet und betreut 42 Erwachsene und Jugendliche mit geistigen und körperlichen Behinderungen in Werkstätten und Wohnungen.

Für Franziska eröffnen sich in der Einrichtung künstlerische und musikalische Betätigungsfelder. Nach ihrer Ankunft am 3. September wird sie erst mal alle Bereiche durchlaufen. Es gebe Sport-, Theater-, Musik- und Kochgruppen, zählt sie auf, malen, töpfern und nähen sowie Arbeit in der Natur und in der Werkstatt. Das erfährt sie gerade bei einem Vorbereitungsseminar über zehn Tage.

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Per Mail hat sie bereits Kontakt mit den Organisatoren in Australien aufgenommen und einen Mentor zugeteilt bekommen. Info-Pakete geben wichtige Hinweise zu Visum, Versicherung, Impfungen, Untersuchungen bei Haus-, Zahn- und Augenarzt sowie zur Weiterzahlung des Kindergelds an die Eltern.

Die Lämmerspielerin wird ihre Namen, Standort und Handynummer in eine „Elefant-List“ eintragen, damit sie Warnungen über eventuelle Gefahren wie Buschbrände erhalten kann. Die Organisation ist von der Bundesregierung zertifiziert und wird aus dem Programm Weltwärts unterstützt. Dennoch ist die FSJlerin aufgerufen, rund 3800 Euro für den Einsatz zu erbringen. „Meine Hin- und Rückflüge werden bezahlt“, erläutert Franziska. „Es ist eine Solidargemeinschaft mit dem Ziel, dass auch andere Jugendliche ein FSJ dort machen können.“

1500 Euro hat sie schon zusammen. Ihre Familie und Freunde haben Kuchen gebacken, die sie nach dem Gottesdienst und bei der Vatertagssause der TSV aufgeschnitten hat. Beim Pfarrfest hat ihre Schwester Geld mit Henna-Tattoos gesammelt.

Franziska Kalesse erwartet, neue Grenzen und ihre Persönlichkeit neu zu entdecken. „Ich denke, man wird viel selbstbewusster und kann mehr auf Leute zugehen“, formuliert sie. In der Schule sei man auf das Lernen in Fächern beschränkt, „jetzt kann ich viel ausprobieren und vielen Menschen begegnen“. Dazu bekommt sie auch vier Wochen Zeit, das Land kennenzulernen.

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