Friedensgemeinde: Leben ohne Gemeindehaus

Dietesheimer Verschiebepuzzle

+
Michael Wittmann und Pfarrer Ralf Grombacher im Eichendielen-Raum des „Kinderhauses“.

Mühlheim - Man sollte kein Zwei-Meter-Mensch sein, wenn man im „Kinderhaus“ des Dietesheimer Teils der Friedensgemeinde mit dem Haupthaar nicht die Decke schrubben will. Von Marcus Reinsch 

Der zur Untermainstraße gewandte Erdgeschossraum der altehrwürdigen Immobilie zeugt davon, dass die Leute früher ein ganzen Stück kleiner waren als heute. Andererseits sind Lulatsche auch in der Neuzeit eher die Ausnahme. Und ihre Fähigkeit zum Querdenken schult die Gemeinde sowieso seit Monaten.

Lesen Sie dazu auch: Friedensgemeinde verliert Gemeindehaus

Geht auch gar nicht anders; Dietesheims evangelische Christen haben letzten Sommer ihr ans eigentliche Kirchenterrain angrenzende Gemeindehaus eingebüßt. Ob das so sein musste oder noch eine andere Lösung denk-, mach- und bezahlbar gewesen wäre, darüber scheiden sich nach wie vor einige Geister. Der einst um den damaligen Pfarrer gruppierte und nun aus Alters- und Gesundheitsgründen für Vergangenheit erklärte „Verein für diakonische Aufgaben“ hatte das von ihm angemietete „Haus Ruth“ gekündigt. Aus heiterem Himmel, sagen aktuelle Akteure um Pfarrer Ralf Grombacher - mit ausreichend Vorwarnzeit, sagen die Vorgänger.

Streit muss nicht entschieden werden

Das Praktische ist, dass dieser Streit nicht unbedingt entschieden werden muss. Die Friedensgemeinde hat sich zwischenzeitlich mit dem Gedanken angefreundet, sich mit ihren eigenen Immobilien zu begnügen. Übrig sind besagtes „Kinderhaus“, das Haus Petrus nebendran und der Anbau, den die Christen mal ans Haus Ruth gesetzt hatten.

Alles keine Riesen, eher Bonsai-Bauten mit Charme. Den will die Gemeinde bewahren. „Man darf ihnen ihre Geschichte ruhig ansehen“, sagt Michael Wittmann, der mit Grombacher und den Architektinnen Trillich und Liebig-Seipel den Bauausschuss der Gemeinde bildet. Dieses Gremium ist momentan besonders gefragt. Zu Bauen gibt es zwar nichts; Grombacher will „nicht wegen einer finanziellen Verausgabung überlegen müssen, ob wir für den Kindergottesdienst neue Scheren kaufen können“.

Und eigentlich, bekennt Grombacher, sei es dann doch überraschend gewesen, wie viel Raum auf dem Gelände selbst seinem bisherigen Schicksal als Rumpelkammer entrissen und nutzbar gemacht werden kann. Seit dem Auszug aus dem Haus Ruth wurden viele Tonnen Material bewegt. Einige in die Häuschen, ein bisschen in einem Container. Und vieles ist den Weg alles Ungebrauchten gegangen. Es gab bisher zwei große Sperrmüllaktionen. Ein Befreiungsschlag.

Geld nehmen die Christen trotzdem in die Hand. Zu sehen ist das im Erdgeschoss des „Kinderhauses“. Das heißt so, weil hier mal die Krabbelgruppenkinder drin waren, aber auch Jugendgruppen und, im über eine doch ziemlich knarzige und steile Holztreppe erreichbaren Raum unter dem Dach, ein Fotolabor. Die Dachkammer sieht momentan aus wie die Kulisse für einen Kinderabenteuerfilm. Und auch unten ist teilweise noch Abstellkammer.

Wertvolle 22 Quadratmeter mit Eichenholzdielen

Aber im Raum zur Straße, wertvolle 22 Quadratmeter, verströmen frisch abgeschliffene Eichenholzdielen ihre Wärme. Der muffige Teppich ist rausgerissen, vermoderter Untergrund über dem Lehmboden wurde beseitigt, eine Wand vor dem Fachwerk neu und vor allem atmungsaktiv angelegt. Um ihn für Rollstuhlfahrer nutzbar zu machen, sagt Wittmann und misst die Breite der Türzarge, soll eine kleine Rampe angesetzt werden.

Teils ist auch noch ein alter Gewölbekeller drunter; hier keltert die Gemeinde ihren Apfelwein. Bald sollen an dieser Ecke mehrere Gruppen eine neue Heimat finden. Der Kirchenvorstand kann hier tagen, es ist Platz fürs Kinderkino und kleine Tische, die sich jeder so zusammenstellen kann, wie er es braucht. Ein großes Verschiebepuzzle.

„Das Haus Ruth hatte unsere Gemeinde ganz früher ja auch nicht“, erinnert Grombacher. Da waren eigentlich alle Gruppen auf der Empore der Kirche zuhause. Dann kaufte die Gemeinde das Kinderhaus, später das „Haus Petrus“, in dessen über eine metallene Außentreppe erreichbares Obergeschoss nun unter anderem das Büro des „Lebensladens“ und ein Mehrzweckraum sind. Dann kam das Haus Ruth hinzu, einst eine Nudelfabrik, und im „Kinderhaus“ fand die Musiktherapie für die behinderten Kinder der integrativen Gemeindekita Platz.

Und schließlich der Anbau am Haus Ruth. Gerade ihn kennen viele, weil die Evangelischen hier zur Dietesheimer Kerb ihre „Weinlaube hinner de Kerch“ einrichten. Das Treppenhaus zum „Haus Ruth“ ist nun zwar zugemauert und der Treppenrest wird bald einer Abstellnische Platz machen. Doch der Anbau nach Machart eines Wintergartens ist nutzbar. Hier gibt es dienstags das „Café Ruth“, hier probt montags der Kirchenchor. Der Raum ist barrierefrei und mit einem Behinderten-WC ausgestattet.

„Wir waren vom Verlust des Hauses Ruth natürlich erstmal geschockt“, sagt Grombacher „Aber das war vielleicht doch etwa überdimensioniert...“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare