Mit Schiefertafel im Lederranzen

Gäste des Erzählcafés teilen Erinnerungen aus ihrer Schulzeit

Die Besucher erzählen viele Geschichten, so zum Beispiel, was es zur Einschulung anstatt der Zuckertüte gab. Foto: m.

Mit Schiefertafel, Schwamm, Stiftebox und Brotdose im Lederranzen sind sie in die kahlen Säle gestiefelt. Und staunen über die prall gefüllten Rucksack, die Kinder heute zum Unterricht schleppen.

Mühlheim – Mehr als 30 Teilnehmer am Erzählcafé des Geschichtsvereins tauschten in der Schulausstellung im Stadtmuseum Erfahrungen aus der Lernzeit aus.

„Schule ist ein wesentlicher Bestandteil des Lebens, schafft Grundlagen, wie man mit seinen Mitmenschen zurechtkommt“, eröffnete Vorsitzender Karl-Heinz Stier die Plauderei. „Erst kann man nicht abwarten, bis man endlich in die Schule kommt, dann kann man es kaum erwarten, dass man raus kommt“, fasste Gerda Brinkmann zusammen, die von 1944 bis ‘94 in der Schule war – zuletzt als Rektorin.

Die meisten Zuhörer wurden während der letzten Kriegsjahre eingeschult, daher drehten sich viele Erinnerungen um die Flucht aus dem Klassenzimmer in den Luftschutzbunker.

Den Rohrstock in der Rocktasche

Ein Rohrstock wies auf die Strafen in den 40er-Jahren hin, der Lämmerspieler Pfarrer hatte seinen stets in der Rocktasche. In Karl-Heinz Stiers Klasse schlug der Pfarrer die Übeltäter unter den 66 Schülern mit der Schildmütze. Auch Nachsitzen und das zig-malige Schreiben einer Anweisung waren verbreitete Maßregelungen. „Wer in der Schule eine Strafe aufgebrummt bekam, erhielt daheim noch eine“, waren sich viele der Senioren im Museum einig.

Das Fräulein Bartels – fast alle Lehrerinnen waren unverheiratet – kam aus Ostpreußen und ist in Mühlheim gar mit 72 Kindern in einer Klasse fertig geworden. In Lämmerspiel, erzählten Besucher, gab es Brezeln anstelle einer Zuckertüte. Und trotz knapper Kasse gingen die Dietesheimer Eltern mit ihren Abc-Schützen zum Fotografen Rau. Nikolaus Roth erlernte 1941 das Alphabet in den ersten zwei Monaten noch in Sütterlinschrift.

Fräulein Guthier lehrte in ihrem Klassenraum im Lämmerspieler Rathaus mit Pelz und Handschuhen – der Rektor bekam einen Lachanfall, verriet Roth. Sport fand weitgehend ohne Geräte statt, einer der Unterrichtssäle wurde dazu freigeräumt. „Wer mit einem bisschen Anlauf über den Bock sprang, ist an der Wand gelandet“, hat Gerda Brinkmann dieses Bild noch vor Augen.

Schlitten und Eishockey auf der gefrorenen Rodgau

„Dafür haben wir Räuber und Gendarm im Wald gespielt“, warf Maria Häusler ein. Sowieso waren sie als Kinder viel draußen, stapelten zum Ärger des Bauern das Heu, ließen Drachen steigen und übten sich während der Wintermonate auf der zugefrorenen Rodau oder vereisten Lachen im Schleifen, Schlittern und Eishockey.

Weniger lustig war die Läusekontrolle mit der Eisenkralle, weil Flüchtlingskinder sich über Wochen nicht waschen konnten und die Tiere mitbrachten. Die karge Schulspeisung bestand aus Brühe mit Brötchen, Mehlpampe und Haferflockensuppe. Die Amerikaner haben Erdnüsse mit Suppenlöffeln verteilt, schilderten die Frauen im Podium.

Streiche haben die Schüler freilich auch damals gespielt. Karl-Heinz Stier legte mit seinen Freunden Geldbörsen an einer Schnur auf den Bürgersteig. Bückte sich jemand danach, zogen sie das Täschchen aus dem Keller weg. Ein anderer Gast beschrieb, wie sie mit Schneebällen das Fenster der Lehrer-Wohnung einwarfen.

Es gab noch mehr schöne Momente im Leben der damaligen Lehrlinge. Die Goetheschüler sind zur Rodauschule in der Zimmerstraße gewandert, um sich dort unter die Höhensonne zu setzen. Dann reisten sie zum Zelten sogar in den Odenwald. Die Ehefrau des strengsten Pädagogen führte eine Theatergruppe, und zum Lehrer Kürten gingen sie gerne in die Singstunde, denn der sah aus wie ein prominenter Sänger.

VON MICHAEL PROCHNOW

Mühlheim hat wohl einige „Neubürger“ dazugewonnen. An mehreren Stellen wurden nun schon Waschbären gesichtet. Das berichtet Ernst von Hermanni, stellvertretender Vorsitzender des Naturschutzbundes Mühlheim (Nabu).

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