Lust auf Fabulieren und Schreiben

Ruhestand scheint fern: Ex-Bürgermeister Schelzke packt seine Koffer

Zeit für neue Aufgaben: Karl-Christian Schelzke möchte nach seinem Abschied als Geschäftsführender HSGB-Direktor unter anderem schreiben und übernimmt die Geschäftsführung im Verband der Kommunalen Wahlbeamten in Hessen. Wertschätzung kostet nichts, trotzdem wird damit in der Politik gegeizt.
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Zeit für neue Aufgaben: Karl-Christian Schelzke möchte nach seinem Abschied als Geschäftsführender HSGB-Direktor unter anderem schreiben und übernimmt die Geschäftsführung im Verband der Kommunalen Wahlbeamten in Hessen. Wertschätzung kostet nichts, trotzdem wird damit in der Politik gegeizt.

Für Ex-Bürgermeister Karl-Christian Schelzke ist heute ein besonderer Tag: Er wird 70 und nimmt Abschied vom Hessischen Städte- und Gemeindebund. An den Ruhestand denkt er aber noch lange nicht. 

Mühlheim – Heute ist Karl-Christian Schelzkes besonderer Tag. In vielerlei Hinsicht. Der Geschäftsführende Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebundes packt nach 21 Jahren seine Koffer. Sein letzter offizieller Termin war gestern Abend bei der Verabschiedung von Obertshausens Bürgermeister Roger Winter. Nun räumt er seinen Posten im HSGB-Hauptquartier an der Henri-Dunant-Straße für Dr. David Rauber. Schelzke kennt ihn lange, ist stolz darauf, „früh für einen hoch qualifizierten Nachfolger“ im kommunalen Spitzenverband gesorgt zu haben. Und er ist sich sicher, Rauber „werde es gut machen“.

Auch heißt es heute, sich von langjährigen Mitarbeitern zu verabschieden. Das ist ebenso wie die Geburtstagsfeier nur in kleinem Kreis möglich. Den runden Jubeltag will der 70-Jährige im Sommer nachholen – unter dem Motto: „Wir erteilen dem Coronavirus eine Absage und trinken Corona-Bier“. „Lieber später und dann heftig“, findet er. Die offizielle Verabschiedung vom HSGB ist für Frühjahr des kommenden Jahres geplant. Und auch wenn sich Schelzkes Lebensuhr auf 70 gestellt hat, denkt er nicht daran, kürzer zu treten. Zu seinem 65. Geburtstag hatte der Sozialdemokrat gesagt, er könne seiner Frau Marita Immel-Schelzke seinen Ruhestand noch nicht antun. Und auch nun, fünf Jahre später, scheint er noch weit davon entfernt.

Ein paar Tage vor seinem Abschied vom HSGB deuten in Schelzkes Büro allein die paar auf dem Boden stehenden Trolleys auf eine Veränderung hin. Die Vitrine im Wandschrank mit der imposanten Kamera-Sammlung ist noch voll, auf dem Boden stehen bunte Gartenzwerge, Akten stapeln sich. Und überall – an den Wänden, auf dem Boden und den Fensterbänken – Kunst. Ein Dutzend aus polnischer Keramik gefertigter Modelle hessischer Fachwerk-Rathäuser etwa. Klar, dass Schelzke jedes Modell dem jeweiligen Ort zuordnen kann und gleich noch Wissenswertes dazu berichtet. Jedenfalls hat der scheidende HSGB-Direktor und Kunstliebhaber alle Hände voll zu tun, huscht hin und her, organisiert zwischendrin Kaffee und Kuchen, den eine Mitarbeiterin zu ihrem Geburtstag gebacken und fürs Team mitgebracht hat. Mittendrin nimmt er sich viel Zeit und spricht über Pläne, die Vergangenheit und Beobachtungen.

„Mit Sicherheit keine Kreuzfahrt“, antwortet der Hobby-Fotograf auf die Frage, was nun folgt. Ob ein auf einem Beistelltisch liegendes Heft mit dem Titel „Schwingen Sie sich zum Golferfolg“ ein Hinweis ist? An seinem „ganz ordentlichen Handicap von 28“ werde er weiterarbeiten, versichert er. Und Geschichten verfassen möchte er auch, spürt die „Lust auf Fabulieren und Schreiben“. Als Hobby könne er sich auch Redenschreiben vorstellen, dazu hat er sich gleich die Domain Redeexperten gesichert: „Wenn ich gar nichts mehr zu tun habe, schreibe ich Reden, da gehe ich drin auf.“ Schelzke geht zum Schreibtisch, zieht ein Paket hervor und reißt es auf: „Das ist gerade gekommen.“ Er zeigt eine Originalausgabe von Elisabeth Noelle-Neumanns „Die Schweigespirale“. „Eine Sache, mit der ich mich sehr intensiv beschäftige.“ Er gehe davon aus, dass die Zeiten schwieriger werden, Extremisten nach den Kommunalwahlen vermehrt in den Parlamenten sitzen.

Vor allem auf kommunaler Ebene verliere Politik an Vertrauen. Wer könnte das besser beobachten als einer, der für rund 400 Städte und Gemeinden Hessens die Interessen vertreten hat. Auch für seine eigene Partei hat er den Rat, mehr auf Menschen zuzugehen und ihnen deutlich zu machen: „Wir stehen seit 150 Jahren für Demokratie.“ Man müsse mit Bürgern reden, Fehler offen zugeben. „Er hat Menschen durch Charme zu bürgerschaftlichem Engagement motiviert“, hat SPD-Stadträtin Ingeborg Fischer einmal anerkennend über Schelzke gesagt. Der betont: „Wertschätzung kostet nichts, trotzdem wird damit in der Politik gegeizt.“ Was Schelzke zu einer seiner kommenden Aufgaben führt und den Abschied von seinen Mitarbeitern erträglicher macht. Er zieht in ein kleineres Büro im Erdgeschoss des HSGB und übernimmt ehrenamtlich die Geschäftsführung im Verband der Kommunalen Wahlbeamten in Hessen. „Der Vorteil: Ich habe keine Pflichttermine mehr und kann die Bürgermeister vor Ort beraten.“ Das werde ihn durchs ganze Bundesland führen. Dort kennt er sich gut aus, hat er doch in 21 Jahren als Geschäftsführender Direktor den Tacho seines Dienstwagens pro Jahr um rund 40 000 Kilometer ansteigen sehen. „Ich hätte große Probleme, das Haus (Anm. d. Red.: HSGB) zu verlassen, ich habe mich immer sehr wohl im Kreis meiner Mitarbeiter gefühlt.“ Die offiziellen Termine hingegen werde er nun weniger vermissen.

Immer wieder Hundebellen, Schelzkes Handy-Klingelton. Es geht um den Neukirchener Bürgermeister Klemens Olbrich, dem fahrlässige Tötung bei drei in einem Dorfteich ertrunkenen Kindern angelastet wird. Schelzke ist dessen Strafverteidiger, als ehemaliger Bürgermeister kann er sich zudem in Olbrichs Lage hineinversetzen: „Er ist in einer saublöden Situation“, meint Schelzke, der „seit einiger Zeit wieder erfolgreich als Strafverteidiger im kommunalen Umfeld tätig“ ist. Er werde auch mit Sicherheit wieder in die Kanzlei an der Dietesheimer Straße einziehen und verstärkt als Anwalt arbeiten.

Der Mühlenstadt werde er treu bleiben, versichert der eingeplackte Frankfurter – auch auf Gerüchte hin, er werde gen Nordhessen abwandern. „Nein, ich ziehe nicht nach Bad Karlshafen“, wo er eine Zweitwohnung und ein kleines Motorboot namens „Margot I“ besitzt. „Ich bleibe hier in Dietesheim“, sagt er entschlossen. „Wenn ich da oben ein paar Tage bin, bin ich auch wieder froh, zurück zu sein.“

Schelzke stimmt keinen Mühlheim-Blues an, im Gegenteil: Er hat Mühlheim ins Herz geschlossen, nachdem der Sozialdemokrat aus Oberursel kommend von den Mühlheimern auf den Chefsessel ihres Rathauses gewählt wurde. „Die Menschen haben mir nie das Gefühl gegeben, Ressentiments zu haben.“ Das zeige sich auch nun, 21 Jahre nach seinem Wechsel vom Rathaus zum HSGB – kurz nach seiner Wiederwahl zum Bürgermeister. „Einige waren mehr als böse, dass ich gegangen bin.“ Die Entscheidung habe ihm damals einige schlaflose Nächte gekostet und sei ihm nicht leicht gefallen. „Ich war gerne Bürgermeister von Mühlheim.“ Nach dem Satz folgt ein minutenlanger Monolog über die Vorzüge Mühlheims, zu denen Schelzke zweifelsohne auch die Fastnacht zählt. „Das Schlimmste, was ich mir angetan habe, ist Vorsitzender eines Karnevalvereins zu werden, Nichts ist ernster als Fastnacht.“ Sagt er und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Es sei erstaunlich, dass die Sonnau, die vor einigen Jahren ums Überleben gekämpft habe, nun so gut dastehe. Und für das seit Jahren etablierte Bürgermeister-Kabarett mit Amtsinhaber Daniel Tybussek ist auch kein Ende in Sicht. Der 42-Jährige sitze ihm immer wieder mahnend im Nacken, man brauche neue Texte.

Natürlich habe er sich auch Gedanken gemacht, in die Politik zurückzukehren. Da sei er momentan hin und hergerissen, verrät Schelzke. Er tendiere zu Nein. Aber bis kommenden März kann ja auch noch viel passieren ...

VON RONNY PAUL

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