Mühlheim

Einzelhandel im Wirrwarr der Corona-Regeln: „Geld verdienen ist etwas anderes“

Birgit Bender darf ihren Laden „Le Bel Etage“ in Mühlheim öffnen, während andere Einzelhändler wieder schließen müssen.
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Birgit Bender darf ihren Laden „Le Bel Etage“ in Mühlheim öffnen, während andere Einzelhändler wieder schließen müssen.

„Click & Collect“, „Click & Meet“, die einen müssen Schließen, andere dürfen Öffnen. Bei den Corona-Regelungen blickt schon längst nicht mehr jeder durch. Ein Streifzug durch Mühlheim.

Mühlheim – Hasen mit kurzen Hosen und Kittelschürze, mit Zylinder, Frack und Fliege oder mit Pinsel, Farbe und Eiern in Körben. In der Bel Etage hat Meister Lampe zwischen Kristallschalen, Porzellan und Holzschemeln das Ruder übernommen. Der Dietesheimer Laden gleicht einem Museum, die ausgewählten Dekorationsartikel strahlen in Weiß oder hellen Pastelltönen, Birgit Bender hinter der Maske. Die Inhaberin darf ihr Geschäft während der Pandemie öffnen – und das wird auch so bleiben. Glaubt sie.

„Wir haben eine Chocolaterie“, zeigt die Gastgeberin in den Nebenraum. Hinter vier Stufen eröffnet sich eine erlesene Nascherei, erhebt die freundliche Gastgeberin in den Stand einer Verkäuferin von Artikeln des täglichen Bedarfs. Und die dürfen bekanntlich auch während des Lockdowns Kunden empfangen. „Ich orientiere mich am Teeladen“, verrät die Händlerin ihre Taktik, und die Kollegin sperre ebenfalls jeden Morgen auf.

Einzelhandel in Mühlheim während der Corona-Pandemie – Einkaufen mit Hygienekonzept

Die Elisabethenstraße ist die Zeil der Basaltköpp. Metzger und Bäcker sind zwar längst verschwunden, aber die Auswahl an Leckereien, Deko- und Geschenkideen ist so etwas wie ein Treffpunkt. Nachbarn und Stammkunden erkennen sich hinter der Mund-Nase-Bedeckung, plaudern und stöbern mit gebührenden Abstand auch in der Auslage unter einem Pavillon in der Hofeinfahrt. „Warum macht man es uns Geschäftsleuten so schwer?“, grübelt die Chefin. „Wir haben uns mit der Hygiene alle Mühe gegeben!“ Maximal drei Menschen dürfen sich im Laden aufhalten. Viele Einkäufer rufen an, bestellen über die Internet-Seite und holen die gewünschten Sachen ab, „das läuft wirklich gut“, freut sich Birgit Bender.

Stelio „Kosta“ Konstantinidis ist der allseits beliebte Inhaber des zu jeder Tageszeit gut besuchten Obst- und Gemüsegeschäfts an der Bahnhofstraße. Für ihn scheint es so zu laufen wie eh und je. Aber weit gefehlt. Ihm machen die stark schwankenden Preise in der Großmarkthalle in Frankfurt zu schaffen.

Einkaufen mit Maske: Das Obst- und Gemüsegeschäft von Stelio „Kosta“ Konstantinidis ist stets gut besucht. Dennoch spürt der Inhaber die Pandemie an stark schwankenden Einkaufspreisen.

Einzelhandel-Ansturm in Mühlheim kurz vor Ostern – Mehr Personal und längere Öffnungszeiten

„Es läuft wie gehabt“, antwortet die Mitarbeiterin bei Blumen Roth schräg gegenüber gelassen. „Die Kunden sind sehr flexibel und kommen eher später am Tag.“ Eine Anmeldung sei nicht nötig. Bei Simone Schalansky auch nicht. Aber vorm Fenster von „Annelie’s Tee Kaffee Feines“ bilden sich immer wieder Warteschlangen. „Die Zeit vor Ostern ist die zweitwichtigste im Jahr“, erklärt die Inhaberin. Die Mühlheimer suchen Geschenke oder füllen ihre Tee- und Kaffeevorräte auf. Am Umsatz mit Kaffee merke sie, dass viele im Homeoffice sitzen. Es werden allerdings weniger Präsente gekauft, weil auf Besuche zum Fest verzichtet wird.

Um dem Ansturm gerecht zu werden, arbeitet das Team ohne Mittagspause, Simone Schalansky hat die Öffnungszeiten ausgeweitet und kurzfristig mehr Personal beschäftigt. „Das entzerrt, ich kann die Kundenströme besser steuern“, argumentiert sie und registriert neben ihren Stammkunden viele neue Gesichter. „Sie bemühen sich, im Ort einzukaufen, und haben erkannt, wie wichtig der Einzelhandel ist.“ Ihnen seien sie und ihre Kollegen „sehr, sehr dankbar“.

Corona-Pandemie in Mühlheim: Einkaufen mit „Click & Collect“ – Einzelhändlerin vermisst Modeschauen

Das ist auch Gerlinde Belz. Wer bei Creativ Mode & Design T-Shirts für die Sommersaison anprobieren möchte, musste einen Termin vereinbaren, „und das hat gut geklappt“. Seit gestern geht nur noch „click & collect“. Die Inhaberin hat es schon praktiziert, hat die Videokamera ihres Handys über die Kollektion geschwenkt, die Kundin am anderen Ende hat so die Pullover begutachtet. Anderen Frauen bringt sie eine Auswahl nach Hause. „Die treuen Kundinnen wissen, was sie wollen, aber die Laufkundschaft fehlt“, bemerkt die Inhaberin.

Gerlinde Belz muss ihr Creative Mode & Design wieder schließen und auf „click & collect“ umstellen.

Gerlinde Belz vermisst die Modenschauen vor ihrem Schaufenster auf der Marktstraße. Sie brachten einen großen Teil des Jahresumsatzes. Jetzt darf sie Interessierte weder mit Kaffee noch mit einem Glas Sekt begrüßen. Die Winterware musste sie zu Sonderpreisen verhökern, „Geld verdienen ist etwas anderes“, kommentiert sie. „Ich lasse mich regelmäßig testen, wir desinfizieren und halten Abstand“, erklärt sie, „aber warum müssen ausgerechnet wir wieder schließen?“ (Michael Prochnow)

Im März 2020 starteten die Einzelhändler aufgrund der Corona-Krise in Mühlheim eine Liefergemeinschaft, um ihre Kunden mit Waren zu versorgen.

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