Seit 45 Jahren

Gerdas kleine Weltbühne - Travestie in der Mühlenstadt

Als aussterbende Dinosaurier bezeichnen sich Gerhard „Gerda“ Stein und Jürgen „Jutta“ Peusch. Seit 40 beziehungsweise 45 Jahren präsentieren sie ihr Travestie-Theater.
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Als aussterbende Dinosaurier bezeichnen sich Gerhard „Gerda“ Stein und Jürgen „Jutta“ Peusch. Seit 40 beziehungsweise 45 Jahren präsentieren sie ihr Travestie-Theater.

Bunte Dekoration und funkelnde Lichter weisen Neugierigen schon von Weitem den Weg zum Theater neben der Willy-Brandt-Halle. Treten die Besucher über die Schwelle der Eingangstür, gelangen sie in eine andere Welt – in Gerdas Welt.

Mühlheim – Seit 45 Jahren präsentieren Gerhard Stein und – seit 40 Jahren – Jürgen Peusch alias Gerda und Jutta bunte Travestie in der Mühlenstadt. Zeit, die vergangenen Jahren einmal Revue passieren zu lassen. Oder auch Aktuelles, wie die Sendung im Privatfernsehen, in dem Dragqueens im Mittelpunkt stehen. Gerhard Stein alias Gerda freut sich, dass „sie eine Plattform haben, auf der sie sich zeigen können“. So sehen die Zuschauer, wie unterschiedlich Leute sein können. Mit dem, was die Gäste im Travestie-Theater an der Dietesheimer Straße zu sehen bekommen, habe dies allerdings wenig zu tun. „Bei uns geht es nicht um Selbstdarstellung, sondern um Unterhaltung“, erläutert Peusch.

Das Programm, das die beiden Künstler auf die Bühne bringen, lebt von der Nähe zum Publikum. Gestik, Mimik sowie Interaktion sind Teil des Ganzen und funktionieren im kleinen Theatersaal am besten. Die Zuschauer sehen Schminke, Perücke und Kostüm von Nahem. „Wir spielen mit der Irritation – ist das jetzt ein Mann oder eine Frau?“, sagt Peusch weiter. „Das Publikum sieht einen, wie es will und wir können diese Illusion einfach auflösen.“

Hinter dem Travestie-Theater stecke harte Arbeit, viel Disziplin und jahrelange Erfahrung. Entstanden ist „Gerdas kleine Weltbühne“ nach einem Besuch in Hamburg. „Ich hatte davor eine Kneipe“, erinnert sich Stein. Schon damals ging er offen mit seiner Sexualität um.

Es sei eine harte Zeit gewesen – „früher wurden Schwule auf der Straße zusammengeschlagen“, erinnert sich das Paar. Hakenkreuze und Exkremente wurden an die Türen geschmiert. Und trotzdem schafften es die beiden, sich in der Stadt zu etablieren. Als „Thekenunterhalter“ beschreibt Jürgen Peusch seinen Partner. Als jemand, der dazu geboren sei, andere zu unterhalten. „Wir machen das nicht, weil wir gerne im Kleid herumlaufen, sondern weil wir gerne unterhalten.“

Das habe dazu geführt, dass der Offenbacher Kneipen-Besitzer in der Gemeinde gut aufgenommen wurde. Stein weckte die Neugierde der Mühlheimer. „Wir gucken uns mal den Schwulen an“, erinnert sich der Gerda-Darsteller an das Gerede von damals.

Die Idee aus der Kneipe die Weltbühne zu machen, hatte Stein kurze Zeit später. In Hamburg hatte er im Nachttheater eine Travestie-Vorstellung gesehen und ließ sich inspirieren. „Singen kannste, reden kannste – dann kannste das auch“, dachte er sich. Und beschloss: Ab dem nächsten Tag soll es in der Kneipe auch eine Show geben.

Sein erstes Kostüm bestand aus einem Kopftuch und einer Kittelschürze. Zum Einjährigen engagierten sie einen Künstler, der Gerda und Jutta später die Kunst beibrachte. „Gute Travestie bestand damals daraus, Geschichten witzig zu erzählen“, erläutert Jürgen Peusch. „Damals gab es noch keine Stand-Up-Comedians.“ Da haben Travestie für amüsante Unterhaltung gesorgt.

Richtig „angelaufen“ sei das Mühlheimer Theater nach einem Artikel in unserer Zeitung. „Das hat Wellen geschlagen“, erinnert sich Stein an die Wirkung des Berichts. Selbst Prominente und Politiker verschlug es auf einmal in die Mühlenstadt.

Im Laufe der Zeit wuchsen Gerda und Jutta in ihre Rollen hinein. „Ich erfinde mich zum Beispiel für jede Produktion neu“, sagt Peusch. Dabei fließe auch die Reaktionen des Publikums mit ein: „Lacht es? Nein? Dann fliegt der Witz raus.“ Oder die Verpackung dessen wird überarbeitet. Das sei eben die Kunst an der Travestie.

VON YVONNE FITZENBERGER

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