Tanz auf dem Vulkan

Mühlheimer Geschichtsverein widmet den Goldenen Zwanzigern eine Schaufensterausstellung

Gar nicht so golden: Angelika Loewenheim (von links) und Gerda Brinkmann vom Geschichtsverein lassen die Zwanziger Revue passieren.
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Gar nicht so golden: Angelika Loewenheim (von links) und Gerda Brinkmann vom Geschichtsverein lassen die Zwanziger Revue passieren.

Erst wenn eine Epoche ihr Ende findet, bekommt die Zeit einen Namen. Die Adenauer-Ära dauerte recht lange, die 68er-Revolte endete ziemlich rasch. Der Nationalsozialismus ging als „Drittes Reich“ in den Sprachgebrauch ein, eine halbe Dekade der Weimarer Republik als „Goldene Zwanziger Jahre“. Der Mühlheimer Geschichtsverein erinnert im Schaufenster seiner Dependance an der Offenbacher Straße an diese kurze kulturelle Blütezeit.

Mühlheim – „Mit den ‘Goldenen Zwanzigern’ sind letztlich die Jahre zwischen 1924 und 1929 gemeint“, sagt Angelika Loewenheim, die Initiatorin der Schaufensterausstellung. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hatten Hunger, Freikorps, politische Morde und Umsturzversuche wie der Kapp-Putsch von 1920 und der Hitler-Ludendorff-Putsch von 1923 bestimmt. Im selben Jahr litt Deutschland unter einer Inflation. Gerda Brinkmann, ebenfalls vom Geschichtsverein, zeigt einen Eine-Millionen-Mark-Schein. Auf dem Höhepunkt der Hyperinflation ließ sich damit noch nicht mal ein Schluck Wasser kaufen.

Zwanziger Jahre: Keine Krise ohne Gewinner.

Am 15. November 1923 löste die Rentenmark die Reichsmark ab. „Alle Ersparnisse waren weg“, fasst es Loewenheim zusammen. Ursprünglich hatte der Staat durch Kriegskredite Schulden in Höhe von 154 Milliarden aufgenommen. Die bezifferten sich im Wechselkurs der neuen Währung auf gut 15 Pfennige. Keine Krise ohne Gewinner: Den Reibach machten vor allem jene, die sich hoch für den Kauf von Häusern oder Unternehmen verschuldet hatten.

Dann begann das, was Loewenheim als „Tanz auf dem Vulkan“ zitiert. Wer Geld hatte, konnte sich amüsieren. In Berlin tanzte Josephine Baker. In der Hauptstadt trugen die Frauen kecke Kurzhaarfrisuren. Der Muff von Kaiserreich und Kirchen verflog in den Clubs der Metropolen. Dort herrschte eine Atmosphäre sexueller Befreiung. Homosexualität zwischen erwachsenen Männern sollte das Strafgesetzbuch zwar noch bis 1969 verbieten, „aber auch in Frankfurt gab es Bars, in denen sich Schwule trafen“.

Wer genauer hinsieht, bemerkt, dass es sich bei den zwei Puppen in Frack und Kleid im Schaufenster des Geschichtsvereins um Frauen handelt. Das angesteckte Veilchen galt damals als Code der Lesbierinnen. Im Schaufenster hängen auch Bilder von Otto Dix, der die Archetypen des Hedonismus malte. Sein Werk bedachten die Nazis später ebenso mit dem Siegel „entartete Kunst“ wie die Bilder des Städel-Professors Max Beckmann.

Eine Ecke des Schaufensters ist dem Bauhaus gewidmet, dem neuen Stil in der Baukunst, der als Stundenhappening um Professor Walter Gropius in Weimar begann und mit seinen „geraden Linien“ einer Architektur ohne menschliches Antlitz weltweit den Weg ebnete.

In den Zwanzigern gab es die ersten Frauen, die studierten und promovierten. Mit der Agrikulturchemikerin Margarete von Wrangell bekam 1923 an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim die erste Frau eine Professur in Deutschland. Das Frauenbild hatte sich dennoch nicht sonderlich gewandelt. Gerda Brinkmann legt zum einen eine Stellenanzeige aus dem Mühlheimer Boten vor. Da suchte jemand für häusliche Arbeit an der Bahnhofstraße 42 „ein ordentliches Mädchen“. Brinkmann zeigt noch gestickte Sinnsprüche aus der Zeit, mentale Kompasse für den Haushalt: „In des Wäscheschrankes Tiefen kann die strenge Hausfrau prüfen, ob die Linnen gut bestellt.“ (Stefan Mangold)

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