Zahlen und seltene Einblicke

Hans-Peter Schwenger führt Geschichtsinteressierte durch die Stadt

Hans-Peter Schwenger gab viele Einblicke in die Geschichte der Mühlenstadt. FotoS: M
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Hans-Peter Schwenger gab viele Einblicke in die Geschichte der Mühlenstadt.

 Heute zählt die Stadt 28 000 Einwohner und eine Mühle. Vor 160 Jahren lebten 1470 Menschen in 169 Häusern, allerdings drehte sich an acht von ihnen ein Mühlenrad.

Mühlheim – Hans-Peter Schwenger, vom Rathaus bestellter Stadtführer, versorgte seine Zuhörer jedoch nicht nur mit Zahlen. Der Rundgang war eine der seltenen Gelegenheiten, in den einstigen Gefangenentrakt des Wachthäuschens zu gelangen.

Das jetzige Stadtmuseum war einst das erste größere Gebäude in Mühlheim, die Familie Kaiser bot ab 1786 den Geleitzügen auf dem Weg zur Frankfurter Messe ein Gasthaus mit der Möglichkeit zur Übernachtung. „Alle Wege führten über Steinheim und Lämmerspiel, im Wald stand eine Stele, die in Richtung Mühlheim zeigte“, erzählte Schwenger.

Kaisers Sohn Leopold war von 1835 bis 1845 Bischof von Mainz. Er verkaufte das Anwesen, um mit dem Geld seinen schwerkranken Bruder und anderen Menschen eine gute Betreuung zu ermöglichen. „Er war sehr sozial eingestellt“, zitierte der Stadtführer die Chronik. 1825 wurde das Haus als Schule genutzt, 1894 bis 1985 als Rathaus, dann bezog der Geschichtsverein die unteren Stockwerke

Bis ins vergangene Jahrhundert war die Markstraße die Hauptschlagader. Fast in jedem Haus war ein Geschäft untergebracht, der Leiter nannte Lebensmittel-Faller, die Bäckerei Krebs mit dem Gemeinde-Backhaus, die Gaststätte Englischer Hof, Metzgereien und Keltereien. Bei der Familie Hildebrand soll gar Napoleon genächtigt haben – was allerdings nicht belegt sei.

Attraktion in der Marktstraße war die Eisdiele Deladotti. Das Gebäude, das heute die Familie Eisner bewohnt, war das „Hotel Bück-dich“, weil die Gäste beim Eintritt ihren Kopf beugen mussten, um ihn nicht am Türsturz anzuschlagen. Bald öffneten Latscha und Schade Filialen in der Altstadt, es gab Textilgeschäft, Schuster, Metzgereien, Drogerie, Frisöre, Baustoffhandel und einen Zigarrenladen. Und eben das Wachthäuschen, das ab 1861 Nachtwächtern und Kuhhirten als Unterstand diente.

Der Baustil ähnele dem der Frankfurter Hauptwache. Schwenger gewährte Einblick in den Trakt mit den beiden Zellen, in denen in der Pogromnacht Mühlheimer Juden inhaftiert waren. Botschaften in Sütterlin-schrift zeugen an den Wänden von der Not der Gefangenen.

Kinder warteten stets geduldig vor dem Häuschen, wenn sich Kaiser Wilhelm II. angekündigt hatte. Er reiste mit dem Zug an und stieg in Mühlheim aus, um seine Mutter in Rumpenheim zu besuchen. Als er mit der Kutsche vorüberfuhr, heißt es, winkten die kleinen Mühlenstädter ihm zu. Er dankte dem Nachwuchs mit Milchwecken.

Zeugnisse der Not der Gefangenen gab es im Wachthäuschen.

Der Turm der St.-MarkusKirche gegenüber diente auch zur Beobachtung. Am Main trieben sich immer wieder Banden herum, erfuhren die Zuhörer. Der Wetterhahn dreht sich in exakt 51,5 Metern Höhe und diente lange als Fluchtpunkt für Vermessungen. Das Gotteshaus gehört zu den ältesten in der Region, war selbst für Christen in Heusenstamm und Hausen Anlaufstelle. Der kundige Mühlenstädter erzählte vom Gräberfeld auf dem Kirchhof, auf den noch die alte Mauer hinweist, und zeigte die Pestpforte an der Rodaubrücke.

Wie damals dient das Ufer der Rodau, die früher direkt hinter der Kirche und an den Häusern vorbeifloss, wieder als Treffpunkt. Damals bleichten die Frauen auf den Felssteinen die Wäsche und nutzten die Zeit des Trocknens zum Tratsch, während die Gänse über die Leinen watschelten.

VON MICHAEL PROCHNOW

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