Abschiedskonzert des Gesangvereins Eintracht Mühlheim

„Irgendwann lassen die Kräfte nach“

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Ab Mai endet der Probenbetrieb des Gesangsvereins Eintracht.

Eine Ära geht zu Ende: Das Abschiedskonzert des Gesangvereins Eintracht Mühlheim steht am Sonntag bevor. 

Mühlheim – Das Kratzen in der Stimme und die verquollenen Augen rühren noch nicht vom Abschiedsschmerz – vielmehr von einer Erkältung. Trotzdem: Wehmut bedrückt die vier Männer und acht Frauen unter den Schachbrettern an den Wänden bei der Sport-Union dennoch. Alle haben die 70 Lenze überschritten. Es ist noch nicht die letzte Probe des Gesangvereins Eintracht, nach dem Abschiedskonzert am Sonntag (15 Uhr, Willy-Brandt-Halle, Eintritt zwölf Euro) gibt es eine „Konzertnachlese“, sagt Dirigent Dr. Heino Risse am Klavier.

Im Mai aber endet der Probenbetrieb. „Das ist auch eine finanzielle Frage“, erläutert der Notenwart, Kassierer und Vorsitzende Alfred Pressler und zeigt auf das Dutzend verbliebener Mitstreiter. „Und irgendwann lassen die Kräfte nach.“ Vielleicht schließt sich der eine oder die andere einem der beiden anderen Chöre in der Chorgemeinschaft mit Frohsinn Niederrodenbach und dem Volkschor Offenbach an. Aber für die meisten ist selbst der Weg in die Lederstadt am Abend zu weit, erläutert der Sprecher. Und ein Wechsel in einen anderen Mühlheimer Chor? „Das muss langsam wachsen“, antwortet Chorleiter Risse aus Erfahrung. „Jeder Verein hat andere Schwerpunkte“, verdeutlicht er. „Es muss auch unserem Herzen entsprechen.“

Wahrlich, die Eintracht hat bessere Zeiten gesehen, die in der Chronik festgehalten sind. 56 Männer mit Freude am Singen und an der Geselligkeit, heißt es dort, fanden sich im Jahre 1907 zur Gründung eines Gesangvereins. Josef Eichhorn übernahm das Amt des Ersten Vorsitzenden, für die Chorleitung konnte der Gesangslehrer Schucht aus Frankfurt gewonnen werden. Am 23. Juni 1913 fand die Fahnenweihe statt. „Rein im Gesange, treu im Wort, fest in der Eintracht immerfort“, war als Motto aufgestickt.

Nach dem Ersten Weltkrieg beschlossen 35 Sänger, den Chorbetrieb wieder aufzunehmen. „In dieser Zeit ging es mit der Eintracht steil aufwärts“, hielt der Protokollant fest, der Verein zählte bald mehr als 200 Mitglieder, „darunter über 100 gut geschulte Aktive“. Das erste Konzert am Nikolausabend 1919 im neu erbauten Saalbau Glock genossen annähernd 1000 Besucher. Die Geldentwertung machte den den Gesangverein zum mehrfachen Millionär, 24 324 808,40 Mark verwaltete der Kassierer.

Ab 1927 hatte Heinrich Küchler aus Dudenhofen die musikalische Leitung, die Vereinsführung übernahm zum 25-jährigen Bestehen Heinrich Rickert. Aus dem Zweiten Weltkrieg kehrten nur sieben Eintracht-Sänger zurück, 1947 gelang ein Neuanfang mit Dirigent Nico Sendlbeck aus Lämmerspiel, Konzerte im katholischen Vereinshaus St. Markus verliehen der Gemeinschaft einen großen Auftrieb. Mit Walter Börner zog die Übungsstunde zur Sport-Union, später trafen sie sich im Lokal „Zum Wasserturm“, ins Bürgerhaus-Kolleg und schließlich in der „grünen Linde“.

1700 Sänger feierten den 100. Geburtstag der Eintracht mit einem Festzug, mit ihrem Leiter wurden die Mühlheimer Teil der 400-köpfigen „Chorgemeinschaft Börner“. Nach 20 Jahren übernahm Hubert Reuter für kurze Zeit die Gruppe. Durch die häufigen Wechsel von Probenort und Dirigent schrumpfte der Chor auf 32 Mitglieder. 1978 übernahm Musikdirektor Werner Blum die Eintracht, zwei Jahre später gelang der Umbau zum gemischten Chor. Ab 1988 führte mit Heide Schloos erstmals eine Sängerin den Verein, ab 1991 Fritz Stiller, fünf Jahre später übernahm Heinrich Rühl. Den Taktstock schwangen Wolfgang Wels, dann Robert Imbriovcan, seit 2002 Dr. Heino Risse. Er leitet auch den Volkschor Offenbach und Frohsinn Niederrodenbach, die Freundschaft führte zu einer Chorgemeinschaft, die auch das Abschiedskonzert tragen wird. „Zeit ist ein Geschenk“, lautet der Titel passend.

Neben den drei Chören der Gemeinschaft haben die Scheidenden vier Solisten für ihr großes Frühlingskonzert verpflichtet. „Zum Abschied reichen wir die Hand“, heißt es im „Lied der Freundschaft“, das alle Musikfreunde zum Ausklang mitanstimmen mögen. Und der Verein bleibe weiter bestehen, heißt es. Die Mitglieder treffen sich dann in geselliger Runde.

VON MICHAEL PROCHNOW

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