Die Zeit nach dem Tiefpunkt

Alkoholkranke treffen sich bei Mühlheimer Selbsthilfegruppe

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Ein Mitglied der Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke: Fürs Bild bleibt er anonym, gab aber Einblicke in die Geschichte seiner Sucht. 

Eine Mühlheimer Selbsthilfegruppe ist eine wichtige Anlaufstelle für Alkoholkranke. Eines der Mitglieder hat uns von seiner Suchtgeschichte erzählt. 

Mühlheim – Als 14-Jähriger begann Klaus Bachmann (Name geändert) eine Lehre. Freitags bekam der Junge in einer Papiertüte das Lehrgeld mit auf den Heimweg, „das erste durfte ich vollständig behalten“. Danach gab Bachmann von den 15 Mark zehn der Mutter ab. Weil er kein Schüler mehr war, sondern schon ein bisschen erwachsen, ging er am Wochenende mit dem Fünfer in die Kneipe.

„Ein Schöppche kostete 1958 zwanzig Pfennig“, erinnert sich der 75-jährige. Fünf Schöppche addierten sich zu einem Liter Bier. Das Jugendschutzgesetz erlaubte auch damals nicht, an 14-Jährige Alkohol auszuschenken. Nur interessierte das niemanden. Wenn der Wirt das Gefühl hatte, einer der Buben hat jetzt genug, „dann schickte er ihn heim“. Wollte man nicht folgen, zog die Drohung, „sonst sag ich’s deinem Vater“.

Damals hatte er noch die Kontrolle. Wenn er sich für den Sonntag mit einem bestimmten Mädchen zum Tanztee verabredet hatte, dann passte ein Kneipenabend nicht ins Budget. Noch bewegte sich sein Leben im Rahmen des Üblichen. In den Fernsehkrimis kippten die Kommissare bei jedem Hausbesuch den offerierten Cognac. Wenn die Väter von der Arbeit kamen, standen die Schlappen hinter der Türe und das Bier auf dem Tisch.

„Wer saufen kann, kann auch arbeiten“

Als Trinker galten nur jene, die nichts mehr gebacken bekamen. Mit einem „wer saufen kann, kann auch arbeiten“, habe ihn die Mutter aus dem Bett geschmissen, wenn es spät geworden war. Bachmann arbeitete bis zur Rente. Kurz darauf ging er in die Entgiftung, dann ein Vierteljahr in Therapie. Zu Hause war Bachmann betrunken gestürzt. Da der Mann mit einer Gerinnungskrankheit kämpft, ließ sich das Blut aus der Platzwunde nur in der Klinik stoppen. Der Arzt erkannte Bachmanns Alkoholkrankheit, „ich blieb gleich dort“.

Seine Frau erzählt, ihr Mann habe nie zu dem Typ Trinker gehört, der aggressiv agiert, der schreit und schlägt. Sie merkte auch so, wenn der Gatte voll betankt nach Hause kam, selbst wenn er nicht lallte, „nach über 50 Jahren Ehe kennt man sich“. Mehr als einmal habe sie gedroht, „wenn du nicht aufhörst, trenne ich mich“. Oft versprach Bachmann, keinen Korken mehr zu ziehen. Ein Vorsatz, der den Tag über hielt, „abends dachte ich, ein Schöppchen kannst du dir doch gönnen’“.

Die Trinkerei hatte an Fahrt aufgenommen, als Bachmann 1980 zu einer Frankfurter Behörde wechselte. Die Mitarbeiter fanden ständig einen Grund, mit einem Weinchen, Bierchen oder Gläschen Sekt anzustoßen. Immer hatte jemand Geburtstag oder eine Beförderung zu begießen, „nicht selten gab es zwei Anlässe an einem Tag“. Die Chefs schoben dem Treiben keinen Riegel vor, „im Gegenteil, die luden ein“. Bachmann erzählt, wie er häusliche Aufgaben vor sich herschob. „Das mach ich morgen“, lautete der Standardkommentar, wenn seine Frau ihn bat, den Wasserhahn zu reparieren oder den Rasen zu mähen.

„Ich dachte, ich habe das im Griff“

Bachmann ging es wie anderen in der Selbsthilfegruppe: „Ich hatte zwei Rückfälle.“ Nach sechs Jahren trank er dort ein Bier, wo ihn niemand kannte. Weil es auch für die nächste Woche bei dem einen blieb, wähnte sich Bachmann in Sicherheit, „ich dachte, ich habe das im Griff“.

Das menschliche Hirn scheint einem ausgetrocknetem Flussbett zu gleichen: wenn es fließt, dann in den alten Bahnen. Bachmanns Frau erzählt von einem Mitglied der Gruppe, das 25 Jahre nichts trank, bis es ebenfalls dachte, 'alles im Griff'.

Nach Bachmanns Rückfall tagte ein Familienrat aus Gattin, Sohn und Schwiegertochter. Die anschließende Trockenperiode unterbrach Bachmann für einen Moment, der Folgen hatte. Einen Unfall baute er nicht, aber jemand hatte beobachtet, dass er nach mehreren Bieren mit dem Auto heim fuhr. Kurz darauf klingelte es. Die Gattin holte ihn später auf der Polizeistation neben dem Rathaus ab. Der Führerschein blieb dort. „Ein absoluter Tiefpunkt“, erinnert sich Bachmann. Wenn er heute in einer Gruppe sitze, in der die Leute trinken, könne er beobachten, wie das Gesprächsniveau sinkt, „die reden dann nur noch dummes Zeug“. Beide lachen, als seine Frau betont, „auch du hast besoffen nur Unsinn geredet“.

Die Mühlheimer Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke und deren Angehörige trifft sich regelmäßig im Gemeindezentrum von St. Maximilian Kolbe. Die Nummer gibt das Suchthilfezentrum Wildhof weiter: z 069 9819530.

VON STEFAN MANGOLD

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