Stadt und TSV sind für Kunstrasen

Bedenken wegen Kunstrasen - aber besser als Granulat

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365 Tage im Jahr bespielbar: Die Spvgg. Dietesheim hat schon einen Kunstrasenplatz, die TSV Lämmerspiel soll bald auch einen bekommen. 

Der TSV Lämmerspiel bekommt einen neuen Kunstrasenplatz, aber nicht alle sind damit einverstanden.

Mühlheim – Während sich vor allem die Fußballer der TSV Lämmerspiel auf die beiden geplanten Kunstrasenplätze am Offenbacher Weg freuen (wir berichteten), ist Günther Seidenberger gar nicht dazu zumute. Eigentlich habe er mit Sport nicht viel am Hut, sagt der Lämmerspieler. Auf das Thema Kunstrasenplatz sei er durch Gespräche mit Nachbarn gekommen, als es um den Ärger über die Anfang des Jahres erfolgte Grundsteuer-B-Erhöhung um hundert Prozentpunkte auf 550 ging. Da seien Aussagen gefallen wie: „Die wollen das Geld gleich für einen Kunstrasenplatz auf den Kopf hauen“ oder „Wir werden nur noch geschröpft, nur damit ein paar Menschen Fußball spielen können“. Vielmehr solle die Politik auf die Kostenbremse treten, findet Seidenberger. Man habe mit der Biogasanlage schon ein Millionengrab.

Mühlheim: Diskussion über Kunstrasen

Angetrieben von den Diskussionen habe er sich informiert, sich den Haushalt der Stadt zu Gemüte geführt, Internetrecherche betrieben sowie sich mit Bürgermeister Daniel Tybussek und Klaus Schäfer, Fachbereichsleiter Sport und Kultur, unterhalten. Denn nicht nur der monetäre, sondern auch der Umweltaspekt stören den Lämmerspieler an dem geplanten Kunstrasenplatz: „Wir schaffen Plastiktüten ab und bauen dagegen einen Kunstrasenplatz, der die Umwelt unwiederbringlich zerstört.“ Seidenberger zielt damit auf das bei Kunstrasenplätzen – wie auf dem im vergangenen Jahr in Dietesheim eröffneten Feld – zwischen den Plastikhalmen aufgebrachte Granulat ab, das per EU-Richtlinie ab 2022 verboten werden könnte. „Mikroplastik gelangt ins Grundwasser und wir bekommen es nicht mehr heraus“, warnt Seidenberger und verweist auch auf Recherchen der Organisation „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland“ (kurz: BUND), nach denen „Kunstrasenplätze die fünftgrößte Eintragsquelle von Mikroplastik in die Umwelt in Deutschland sind“.

Bürgerbefragung gefordert

Der Rentner fragt sich daher: „Muss man wirklich 365 Tage im Jahr Fußball spielen können? Die Stadt könnte auch einfach den Rasenplatz neu machen.“ Seidenberger plädiert bei solchen Bauvorhaben für eine Bürgerbefragung und findet: „Da, wo es ans Eingemachte geht, haben die Bürger kein Mitspracherecht.“

Roland Holzberger, Abteilungsleiter der TSV-Fußballer, versteht es, wenn Bürger sich über Steuererhöhungen beklagen. Man müsse dabei aber auch bedenken, dass Steuergeld auch für soziale Zwecke eingesetzt werde. „Wir bieten qualitativ hochwertiges Training und lehren den Kindern und Jugendlichen auch den sozialen Umgang.“ Und es sei die soziale Verpflichtung von Vereinen und der Stadt, dafür die Gegebenheiten zu schaffen. Der aktuelle Rasenplatz sei nun fast 40 Jahre alt und könne nur von März bis Oktober bespielt werden. Zudem sei auch der Tennenplatz jenseits von Gut und Böse. Holzberger erläutert die Problematik eines nicht ganzjährlich bespielbaren Feldes: „Unsere Mannschaften haben jeweils zweimal die Woche Training, das kann frühestens um 16 Uhr starten, da kann man sich vorstellen, was jeden Tag auf der Anlage los ist.“

Die TSV, die seit 2011 auf den Kunstrasenplatz wartet, hat aktuell zwölf Jugend- und drei Seniorenmannschaften sowie ein Altherrenteam. Das sind zusammen mehr als 300 Kicker. „Wir müssen alle Beine unterbekommen“, betont Holzberger und verweist auch auf den Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Vereinen mit Kunstrasenplatz.

Die Bedenken hinsichtlich der Umweltverträglichkeit seien nicht von der Hand zu weisen, sagt der TSVler. Allerdings habe da die Stadt schon Alternativen zum Granulat gefunden. Das erläutert Klaus Schäfer. „Wie das Thema publik wurde, haben wir gleich reagiert“, die Verwendung von Granulat sei vom Tisch. „Alles andere wäre fahrlässig“, betont der Fachbereichsleiter. Es laufe auf einen sandverfüllten Platz hinaus. Auch Schäfer sieht den Kunstrasenplatz für die TSV als unablässig an, um dauerhaft konkurrenzfähig zu sein. Ebenso sei neben der ganzjährigen Bespielbarkeit die Langlebigkeit von mindestens zwölf bis 15 Jahren bei Kunstrasenplätzen ein Vorteil. Wenn’s optimal laufe, könne der Spatenstich noch in diesem Jahr erfolgen, sagt Schäfer. Insgesamt koste der Umbau der TSV-Anlage rund 2,2 Millionen Euro, 200 000 sollen aus bereits beantragten Landesfördermitteln und 150 000 Euro vom Kreis Offenbach kommen.

Was mit dem Kunstrasenplatz in Dietesheim passiert, sollte die EU-Richtlinie verabschiedet werden, sei noch nicht ausgemacht. „Wir werden uns der Sache stellen, wenn klar ist, was passiert und welche Alternativen es gibt.“ VON RONNY PAUL

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