Hans-Peter Schwenger erinnert

Basaltabbau in den Steinbrüchen: Als die Brocken flogen

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So sah es früher aus: Hans-Peter Schwenger zeigt ein altes Bild von den Dietesheimer Steinbrüchen.

Binnen weniger Jahre verwandelten sich die einst kargen Basaltsteinbrüche in eine liebliche Kulturlandschaft. Stadtführer Hans-Peter Schwenger führte eine Gruppe mit dem Rad durchs beliebte Dietesheimer Naherholungsgebiet und erzählte über die Historie des Areals.

Mühlheim – Morgens sah es noch übel aus, als sich Hans-Peter Schwenger den Wetterbericht zu Gemüte führte. Auch Hartgesottene, die Sprüche à la „kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“ gerne zitieren, erfreuen sich nur bedingt daran, während der Eisheilgen mit dem Rad durch den Regen zu fahren. Mittags blieb es aber trocken. Stadtführer Schwenger begrüßte Fahrradfahrer, die sich für die Geschichte der Steinbrüche interessieren.

Wer heute im Naherholungsgebiet an den Seen vorbei kommt, kann sich kaum vorstellen, dass sich bis Anfang der 80er Jahre von Idylle noch keine Spur fand. Schwenger zeigt Bilder aus einer Zeit, als dort die Bagger den Basalt abfuhren. Der Millionen Jahre alte robuste Stein lässt sich vor allem im Straßen- und Schienenbau nutzen. Auch Bildhauer arbeiten mit Basalt, vor allem bei Grabsteinen und Denkmälern.

Über Jahrzehnte hörten die Dietesheimer die Detonationen in den Steinbrüchen. Die Brocken flogen weit. Schwenger erzählt von den Obstbäumen, die seine Familie auf dem Areal besaß. „Wenn es dreimal tutete, dann nahmen wir die Füße in die Hände“, erinnert sich der langjährige Wehrführer von Dietesheim an die Sekunden, bevor es knallte.

Heute sprechen die Dietesheimer besonders zur Fastnacht gerne nostalgisch von sich als „Basaltköpp“. Als tatsächlich noch die Brocken flogen, waren die meisten Bewohner nicht sonderlich gut auf den Abbau zu sprechen. Wenn einmal die Woche das Dynamit zum Einsatz kam, wackelten in Dietesheim die Wände. Eigentümer fürchteten um die Stabilität ihrer Häuser.

In einem der Steinbrüche war schon 1920 Schicht im Schacht. Der Grüne See diente nicht nur den Dietesheimern lange als Schwimmbad. Schwenger zeigt ein sommerliches Bild, das an die Atmosphäre des Berliner Wannsees erinnert. Mittlerweile undenkbar, „aber damals gab es sogar einen Fünf-Meter-Sprungturm“.

Auch heute wird noch gesprungen, von der „Canyonbrücke“, die Oberwaldsee und Vogelsberger See verbindet. Schwenger zeigt ein Bild von schneebedeckten Felsen, als es dort noch um Basalt ging. „Von der Brücke aus lässt sich der Felsvorsprung im Wasser nicht sehen“, nennt der 66-Jährige den Grund für die Unglücke. Denn wer aus der Höhe von 14 Metern den Spalt nicht trifft, verletzt sich schwer, landet gar im Rollstuhl oder auf dem Friedhof. Ein sinnfreies Risiko, das immer wieder junge Männer eingehen.

Von selbst verwandelte sich die einst triste Landschaft der Steinbrücke nicht in eine Kulturlandschaft. Schwenger berichtet von einem aufwendigen Unterfangen, von der Pflanzung von 120 000 Bäumen am Vogelsberger See und am Oberwaldsee. Zum Glück verzichtete man auf billige Lösungen, auf Monokulturen aus trostlosem Tannengehölz oder zähen Birken, „überwiegend pflanzte man Eichen und Erlen“. Hinzu kamen rund 7 000 Sträucher.

Schwenger fährt mit der Gruppe weiter zum Schüsslersee, zu den einstigen Gebäuden der Familie Krebs, „das waren in Dietesheim die wohl bekanntesten Steinbruchbesitzer“. Der alte Lokschuppen steht noch. Schwenger zeigt ein historisches Bild von der Lokomotive und einem Teil der Arbeiter. Auf einer Karte erklärt der gelernte Bäckermeister das Geflecht von Gleisen. Einer verlief durch die Unterführung des Bahndamms in der Nähe der Polizeischule bis zum Mainufer. Dort stand eine spezielle Verladevorrichtung. Ein Teil der Steine verließ Dietesheim per Schiff. Andere Schienen führten zum früheren Güterbahnhof in Mühlheim, „der Transport per Zug spielte eine gewichtige Rolle“.

 

VON STEFAN MANGOLD

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