90-Jähriger blickt zurück

Geschichte einer Flucht

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Flucht vor dem Krieg: Karl Brandl und seine Gattin Hannelore, die wie ihr Mann ihre böhmische Heimat einst verlassen musste.

Wer heute 90 Jahre alt ist, blickt in der Regel auf eine Jugend zurück, in der Krieg und Angst den Alltag bestimmten. Der 1928 im böhmischen Holletitz geborene Mühlheimer Karl Brandl erzählt, wie er dem Tod auf seinen Fluchten von der Schippe sprang.

Mühlheim – Es muss im März 1945 gewesen sein. Die Bilder liefen vor seinem inneren Auge klar ab, an die Daten könne er sich nur ungenau erinnern. Als 16-Jähriger stand Karl mit einer Panzerfaust auf der bayerischen Ostmarkstraße, die Passau mit Hof verbindet. Seine Uniform stammte vom Reichsarbeitsdienst, „die Knobelbecher von der Wehrmacht“. Der Junge hatte den Befehl, die Amerikaner zu stoppen. Brandl erzählt, zum fanatischen Hitlerjungen habe er nicht getaugt, „ich war vom Katholizismus geprägt“. Mit Einbruch der Dunkelheit ließ er Gewehr und Panzerfaust fallen und verschwand im Gehölz, „ich wollte heim“. Die Heimat, die lag in Holletitz, dem heutigen Hodousice, ein kleines Dorf auf ursprünglich tschechischem Terrain, gut achtzig Kilometer nordöstlich von Regensburg.

Es hätte übel ausgehen können, als Brandl an die Türe eines Waldhauses klopfte. Die alte Frau dachte aber nicht daran, den Deserteur zu melden. Sie versorgte Brandl mit Kleidung ihres verstorbenen Gatten und gab ihm zu essen. Zu Besuch war gerade der Förster, der Brandl eine Skizze aufmalte, wie er nach Holletitz kommt: „Und pass auf die SS auf!“ Brandl traf tatsächlich im Wald auf einen SS-Mann und schildert eine surreale Szene, „der trat mir so in den Hintern, dass ich hinfiel“. Dann fragte die Gestalt, „haust du auch ab?“. Anscheinend hatte der Nazi selbst die Lust verloren.

Brandl schlug sich bis zum elterlichen Bauernhof durch. „Bub, hier ist alles voller Partisanen“, empfing ihn der Vater. Die Mutter versteckte ihn im Heu. Nach einiger Zeit ging Brandl mit der Mutter einmal raus, um Klee zu sammeln. Dann erschienen tschechische Partisanen und nahmen ihn mit zur Gendarmerie nach Neuern. Der Vorwurf: „Du bist ein Werwolf!“ Mit drei anderen Jugendlichen bekam er die Augen verbunden, stand an der Hauswand der Polizeistation und hörte das Durchladen von Gewehren. Der Schock war so groß, „dass ich noch nicht mal Angst spürte“.

Sein Tschechisch reichte, um den Inhalt der Diskussion zwischen den Männern zu hören, die sich uneins waren, ob sie wirklich schießen sollten. Sie pendelten zwischen „das sind Nazis“ und „die sind so jung“. Hoffnung keimte, als plötzlich jemand Englisch sprach. Wie aus dem Nichts war ein US-Soldat aufgetaucht, der sich einmischte, „wahrscheinlich rettete der uns das Leben“. Die Freiheit aber nicht. Brandl fand sich im Kreisgefängnis Klattau wieder, trug eine Sträflingsuniform und erinnert sich an das Wehklagen, das er auf dem Weg zur Zelle 13 hörte. Die Wachen rächten sich an SS-Männern.

„In meiner Zelle war ich erst mal beruhigt. Verdursten würde ich nicht.“ Es gab zwar kein Waschbecken, dafür aber eine Toilette mit Wasserspülung. Abends kamen drei Häftlinge dazu. Einer nahm sich seiner an, gab ihm Tipps, wie er sich unauffällig bewegen könne. Es handelte sich um Johann Grill, den Pfarrer von Depoldowitz. Als Brandl von seinem katholischen Hintergrund erzählte, sprach der Geistliche, „wir beide beten jeden Abend den Rosenkranz“.

Nach einem halben Jahr im Knast internierte man ihn auf dem tschechischen Hof, für den er tagsüber arbeiten musste, „das waren anständige Leute“. Der Bauer musste aufpassen, dass der Deutsche nicht stiften geht. Das gelang nur kurz. Als es nachts besonders kalt war, wusste Brandl, dass der Hofhund ins Haus durfte und keinen Alarm schlüge, wenn er die Scheunentüre aufhebelte.

Wieder landete Brandl in Holletitz. Die Eltern waren längst weg. Als Karl bei den Großeltern ans Fenster klopfte, öffnete ihm eine Nachbarin, die einen Schreck bekam, „wenn der Tscheche das mitbekommt ...“ Über den Schuppen dirigierte sie den ausgehungerten und durchgefrorenen Jungen ins Haus, der auf ein Stück Brot hoffte. Die Nachbarin hatte weit mehr zu bieten, „Bub, willst Du Gulasch?“ Als Karl aß, fragte er, woher das Fleisch stamme. „Das ist der treue Hans“. Der Gaul vom Hof war gerade an den Schindereien des neuen Besitzers verendet.

Die nächsten Tage aß Karl vor allem Pilze, die er auf dem Weg nach Bayern im Wald fand. Laufen konnte er nur nachts. Schließlich landete er in einem Flüchtlingslager bei Cham in der Oberpfalz. Brandl wusste, dass die Schwester in der Nähe eine Landwirtschaftsschule besuchte. Schließlich kam Karl als Knecht auf einem kleinen Bauernhof unter. „Hauptsache ein Dach über dem Kopf, Hauptsache Suppe im Teller, Hauptsache am Leben bleiben“.

VON STEFAN MANGOLD

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