„Erforderliche Sicherheit fehlt“

Vorwurf des Missbrauchs der eigenen Nichte - Prozess endet mit Freispruch

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Symbolfoto

Der Bruder des Angeklagten sitzt eine Haftstrafe von neuneinhalb Jahren wegen Vergewaltigung der eigenen Tochter ab. Ihm selbst wirft die Staatsanwältin Karin Ophaus vor, vor den Taten des Bruders seine damals elfjährige Nichte missbraucht zu haben.

Mühlheim – Nach dem Vortrag der Gutachterin hinsichtlich der Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugin endete gestern der Prozess vor dem Schöffengericht in Offenbach mit einem Freispruch. Ophaus wirft dem Mühlheimer vor, zwischen Mai 2010 und November 2011 seine damals elf- und zwölfjährige Nichte mehrfach zum Zwecke der eigenen Erregung intim berührt, sie dabei festgehalten und schließlich gedroht zu haben, sich noch schlimmer an ihr zu vergehen, wenn sie davon erzähle.

Im September 2017 eröffnete Richter Manfred Beck schon einmal in gleicher Sache eine Verhandlung gegen den 30-Jährigen. Verteidiger Heinz-Jürgen Borowsky hatte damals Zweifel an der Glaubwürdigkeit der heute 20-jährigen Nebenklägerin formuliert. Er hielt es für möglich, dass die Nebenklägerin in der Erinnerung verschiedene Erlebnisse miteinander vermengt. Borowsky beantragte ein Glaubwürdigkeitsgutachten von Dr. Petra Bauer, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Weil die Unterbrechung zu lange dauerte, musste Richter Beck den Prozess neu beginnen lassen. Wenn auch nicht so ganz, denn Beck liest notgedrungen die Aussage der Nebenklägerin aus dem ersten Prozess vor. Denn die mittlerweile 20-Jährige, deren Nebenklage Rechtsanwalt Jan Glosmann vertritt, hatte gerade im Zeugenstand betont: „Ich habe dem von damals nichts hinzuzufügen“. Beck wies sie darauf hin, dass sie die Aussage nur mit Blick auf die Verwandtschaft mit dem Angeklagten verweigern könne. Die Nebenklägerin nahm die Option wahr. Anwalt Glosmann begründet, „sie kann sich jetzt noch weniger erinnern als im ersten Prozess“.

Im Anschluss trägt Gutachterin Petra Bauer die Ergebnisse ihrer Untersuchung vor. Die 61-Jährige berichtet von einem zähen Gespräch, „sie wollte, dass ich sie jeweils frage, ohne von sich aus zu erzählen“. Die mutmaßlichen Übergriffe des Onkels gelangten durch Aussagen gegen den Vater von 2014 ins Verhörprotokoll der Polizei. Der Vater soll sie mit dem anfänglichen Hinweis mehrfach zum Sex gezwungen haben, sie für den intimen Umgang mit ihrem Onkel zu bestrafen, den er, von ihr unbemerkt, beobachtet habe.

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Bauer konstatiert, seit 2014 hätten sich die konkreten Aussagen immer wieder verändert. Einmal wisse sie nicht mehr, ob sie sich gewehrt habe, ein anderes Mal erinnere sie, er habe sie gegen ihren explizit formulierten Willen, „aufs Bett gedrückt oder gezogen – zwei entgegengesetzte Bewegungen“. Normal sei, in den ersten beiden Jahren nach der Tat manches zu vergessen. Was dann im Gedächtnis hängen bleibe, lasse sich in der Regel detailgetreu wiederholen.

Bauer hält es nicht für ausgeschlossen, „dass sich hier die Geschehnisse mit dem Vater überlappen“. Die Gutachterin resümiert: Die Annahme der Verteidigung, die Aussagen der Nebenklägerin seien nicht am eigenen Erleben orientiert, lassen sich nicht klar widerlegen.

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Bruder sagt nicht aus

Wie im ersten Prozess erscheint auch diesmal der Bruder des Angeklagten in Handschellen im Zeugenstand, begleitet von seinem Anwalt Manfred Döring. Der Verteidiger erklärt, „unabhängig davon, dass mein Mandant falsch zu 9,5 Jahren verurteilt wurde, wird er nicht aussagen“.

Der Angeklagte wirkt zwar aufmerksam und interessiert, doch an seiner Mimik ließe sich nicht ablesen, dass sich der Prozess um ihn dreht. Nur als der Bruder sich setzt, ohne dass die beiden sich grüßen, scheinen sich seine Züge leicht anzuspannen.

Staatsanwältin Ophaus wertet in ihrem Plädoyer, „aufgrund des Gutachtens reicht der Verdacht nicht aus. Wir müssen ihn freisprechen“. Dem schließt sich auch Nebenklagevertreter Jan Glosmann an, Verteidiger Heinz-Jürgen Borowsky sowieso. Richter Beck und die Schöffen folgen den Anträgen, „es fehlt die erforderliche Sicherheit“. Beck betont die Problematik, dass der fragliche Zeitraum schon neun Jahre zurück liegt, „der Angeklagte kann etwa zu einem Vorwurf kein Alibi mehr benennen, auch wenn er eines hätte“.

Von Stefan Mangold

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