Gegen den inneren Schweinehund

Sportskanone Gerd Dzorny ist mit 81 Jahren Vize-Weltmeister im Eisschnelllauf

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„Blutwerte wie ein 18-Jähriger“: Stolz zeigt Gerd Dzorny seine Medaillen, die er bei den Winter World Masters Games in Innsbruck gewonnen hat.

Immer mehr Senioren halten sich fit, schließen sich Sportgruppen an, starten zum Nordic Walking, gehen schwimmen oder wandern. Das macht Gerd Dzony mitunter auch. Meistens hat der 81-Jährige aber keine Zeit dazu. Außerdem mag er Wasser lieber, wenn’s gefroren ist.

Mühlheim – Jüngst kehrte er als Vize-Weltmeister im Eisschnelllauf über 1500 Meter und als Dritter über 1000 Meter von den Winter World Masters Games in Innsbruck zurück.

Das Treffen zu dieser Art Olympische Winterspiele für „Senioren ab 30“ diene in erster Linie der Völkerverständigung, erklärt die Sportskanone aus der Roten Warte. „Spirit Together“ lautete das Motto in Tirol – und diesen Gemeinschaftsgedanken spürten Dzony und Ehefrau Ulrike vom ersten Moment. Dabei tummelten sich zur Eröffnung auf dem Marktplatz nicht nur Hobbysportler, auch frühere Olympioniken frönten dem „Spaß an Sport und Wettkampf“.

Sie plauderten mit dem Italiener Bruno Toniolli. Der Eisschnellläufer marschierte in seiner Kleidung von 1976 ein, als er an den Olympischen Winterspielen teilnahm, ebenfalls in Innsbruck. „Wir hatten tolle Gespräche mit Händen und Füßen“, erinnert sich Ulrike Dzony. Die Ehefrau war als Coach akkreditiert, damit sie mit ihrem Mann einziehen und er sich auf die Läufe konzentrieren konnte. „Die Eröffnungsfeier war Gänsehaut pur“, schwärmt sie. Die Sportler folgten im Lichterschein Trachtenkapellen und den Schildern mit den Namen ihrer Start-Disziplin, nicht irgendwelchen Nationen-Fähnchen.

Dabei hatten die Dzonys seinen Namen zunächst nicht auf der Starterliste gefunden – dafür den der „Trainerin“. Allein 250 Starter waren für den Eisschnelllauf gemeldet, insgesamt fast 3500 Sportler aus der ganzen Welt. Die „Masters“ liefen erstmals 2010 im slowenischen Bled, dann 2015 im kanadischen Quebec.

Gerd Dzonys Rennen wurden auf die zweite Woche verschoben. Das Warten zermürbte ihn, doch dafür spielte das Wetter mit: blauer Himmel, trocken und kalt. Der Hesse maß sich in der Altersgruppe 80 bis 85 gegen drei Russen, konnte gut mithalten und sicherte sich Platz zwei. „Wir hatten danach noch viel Spaß mit den russischen Athleten“, erzählt der Vizemeister, die beiden Medaillen waren für ihn das „Sahnehäubchen“. Sport treibe er, „weil es meiner Gesundheit gut tut“, sagte er in einem Interview.

Dzony flitzt viermal pro Woche übers Eis des Außenrings der Frankfurter Eissporthalle. Als Mitglied des Olympischen Eisschnelllauf-Clubs Frankfurt (OECF) steht er samstags und sonntags ab 8 Uhr morgens, montags und mittwochabends auf den Kufen. „Da gibt’s kein Pardon, ob’s regnet oder schneit.“ Auf dem Programm stehen Starts üben, Koordination und Balance, dazu ein Intervalltraining. Dabei hat der Mühlheimer die Deutsche Meisterschaft vor Augen, zudem ist er nach Russland und Japan eingeladen.

Das Herz des Oberschlesiers schlug schon immer für den Sport. Geboren wurde er 1938 als Sohn eines Möbelschreiners in Hindenburg. Als Kind hat er den Krieg noch erlebt. Er hat ein Rennrad selbst gebaut, mit dem er zehn Jahre Rennen gefahren ist. Er hat geboxt, „weil mein bester Freund im polnischen Nationalteam war“. Und er hat Eishockey gespielt. In der alten Heimat hat er noch Gas-Wasser-Installateur gelernt, dann ist seine Mutter in den Westen übergesiedelt.

1965 folgte Gerd Dzony Onkel, Tante und Cousine, die alle bei den Stadtwerken in Offenbach Arbeit gefunden hatten. Ihn schickten sie in die Zweigstelle der Maingas-Werke an der Waldheimer Straße. Vor 40 Jahren zog er mit seiner Frau von Lauterborn in den Bungalow an der Einrichtung. Geheiratet hat er die Tochter des Mitbegründers der Schützengemeinschaft, Anton Benedikt, weil er auch auf dem Schießstand sein Talent bewies.

„Mit 70 hat er gelernt, Ski zu fahren“, verrät die Ehefrau. Im Sommer sitzt er seit 68 Jahren im Sattel – mittlerweile aber auf dem eines E-Bikes. Das erlaube ihm, in den Rennen und bei Rad-Touristik-Fahrten „mit den Jungs“, die 30 Jahre und jünger sind, mitzuhalten. Den Motor schalte er aber nur am Berg zu, versichert er. Seine tägliche Rundstrecke über Steinheim und das Rondo nach Lämmerspiel und zurück sei heute „verbaut“ und von viel Verkehr belastet.

Also strampelt Dzony immer öfter im Wohnzimmer „auf der Rolle“, einer Eigenkonstruktion. „Wenn’s in den Oberschenkeln nicht zieht, nutzt es nichts“, lautet seine Einstellung. Und: „Es muss nicht jeden Tag sein, aber du musst den inneren Schweinehund bekämpfen.“ Dann präsentiert er sein Equipment: Winterkleidung, Stiefel, Sportschuhe und den Schleifbock, an dem er die Kufen „scharf wie Rasiermesser“ wetzt. Die Carbon-Schuhe darüber wurden ihm in Sankt Petersburg auf Maß gezogen. Sie sitzen „wie eine zweite Haut“, er trägt sie immer barfuß, „das gibt dir ein besseres Gefühl, es ist wärmer“.

Damit hat er ein paar Mal den Elf-Städte-Lauf in den Niederlanden bewältigt, 200 Kilometer in zwölf Stunden auf zugefrorenen Grachten, ausgestattet mit einer Tafel Schokolade und sechs Brötchen. „Ich mag das Extreme“, sagt er und stellt sich jeden Tag auf die Waage. 69 Kilogramm zeigt sie aktuell. „Jetzt sind wir ruhiger“, behauptet Ulrike Dzony. Sie macht Aqua-Fitness und Spaßtheater, „er isst Schokolade, Torte und Kuchen, hat nie geraucht, nie getrunken, nimmt keine Tabletten und hat Blutwerte wie ein 18-Jähriger“, verrät sie.

„Sein neuestes Hobby ist der Garten“, er habe den „Urlaub nach Hause geholt“, aus Marmor-Fensterbänken Grotte und Kamin gebaut, die Hessenmeisterschaft im Eislauf abgesagt. „Ich brauche den Wettkampf“, erklärt Gerd Dzorny. „Aber in meinem Alter gibt es kaum noch Gegner.“
VON MICHAEL PROCHNOW

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