Die erste große Krise

Verunsicherte Neueinsteiger: Umsatzrückgänge bei E-Zigaretten-Händlern

Merken die Verunsicherung: Ulrich Barthel und Andrea Theil in der Mühlheimer Gartenwelt.
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Merken die Verunsicherung: Ulrich Barthel und Andrea Theil in der Mühlheimer Gartenwelt.

Als Ulrich Barthel im Jahr 2011 begann, in der Mühlheimer Gartenwelt seinen „Dampfgarten“ zu eröffnen und E-Zigaretten zu verkaufen (wir berichteten), war im Alltag noch keine Spur von den Wolken, die deren Nutzer heute oft gen Himmel schicken.

Mühlheim – Die Geräte waren kaum verbreitet und auf einem Entwicklungsstand, der das eh nicht zugelassen hätte. Inzwischen gibt es Geschäfte selbst in kleineren Ortschaften, riesige Messen, unzählige Online-Shops und nahezu unüberschaubar viele verschiedene Produkte. Zumindest das Prinzip ist immer recht ähnlich geblieben: Es gibt einen Akkuträger und einen Tank, in Letzterem wird eine Flüssigkeit – das Liquid, ein Gemisch aus Propylenglycol, Glycerin, Aromastoffen und optional Nikotin – über einen Draht verdampft.

Ging es in der Branche über viele Jahre allem Anschein nach jahrelang bergauf, kam’s vor einigen Monaten zum Stimmungstief, ob bei Händlern, Herstellern oder jenen, die sich auf Video-Plattformen wie Youtube mit den E-Zigaretten beschäftigen. Meldungen von schweren Lungenerkrankungen und Toten durch E-Zigaretten in den USA hatten die Runde gemacht, die Verunsicherung wuchs. Inzwischen hat die US-Gesundheitsbehörde CDC eine Verbindung von den Toten und Lungenkranken zu Liquids mit dem Cannabis-Wirkstoff THC und Vitamin-E-Acetat gezogen. Ein Verkauf solcher Produkte wäre auf dem strenger regulierten europäischen Markt nicht erlaubt.

Wie in vielen anderen E-Zigaretten-Läden liegen auch bei Barthel Handzettel aus, die Verunsicherten die Sichtweise der Branche klarmachen sollen. Mit 95 Prozent weniger Schadstoffen im Vergleich zu herkömmlichen Zigaretten könne man rechnen, unter anderem zitiert wird der ehemalige Commissioner der Food and Drug Administration (FDA) Scott Gottlieb, der die Ursache für die Erkrankungen in illegalen Produkten sieht.

Es sei so, als ob jemand eine giftige Flüssigkeit getrunken und dann dem Glas die Schuld gegeben habe, meint Barthel. Während ihm die Stammkunden die Stange hielten, habe er bei Neueinsteigern einen Rückgang von bis zu 50 Prozent zu verzeichnen. „Wir machen das ja schon seit zehn Jahren und können das noch verkraften, gerade die kleineren haben’s aber schwer, da fehlt das Geld, um mal ein Jahr zu überbrücken.“

Wer mit Barthel spricht, bekommt auch einen Eindruck von den Anfängen der E-Zigarette in Deutschland. Viele hätten anfangs etwas zusammen gebastelt, „Es war ein absolutes Nischenprodukt, man musste ausprobieren, was es gibt und wie es funktioniert.“ Quer durch die Republik sei man gefahren, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Dabei hat er auch Andrea Theil kennengelernt. Der pensionierte Hamburger arbeitet inzwischen über die Wintermonate in der Gartenwelt mit, im Sommer unternimmt er von der Hansestadt aus Radtouren durch ganz Europa. Früher, sagt er, als er noch 60 Zigaretten am Tag geraucht habe, sei er kaum die Treppe hinaufgekommen. „Ich bin die lebende Langzeitstudie.“

Weniger eindeutig sieht das die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig, (CSU) die auf Nachfrage erklärt: „Wir wissen mittlerweile, dass E-Zigaretten zwar weniger Schadstoffe als die klassischen Tabakprodukte enthalten, aber ,gesund’ sind sie daher noch lange nicht. Ob E-Zigaretten dauerhaft als Rauchausstiegsprodukte geeignet sind, ist noch sehr fraglich, so jedenfalls die Meinung verschiedener Fachgesellschaften.“ Ludwig sagt aber auch: „In den USA sind Menschen zu Tode gekommen, die oft willkürlich Liquids, teilweise vom Schwarzmarkt, gemischt haben. Davor kann ich nur warnen! Hier in Deutschland haben wir klare Regeln für die nikotinhaltigen Liquids, es muss gekennzeichnet sein, welche Stoffe darin enthalten sind.“ Bei nikotinfreien Liquids sei das zwar anders, auch dort sei das Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft aber dran, die Kennzeichnungen anzupassen. Auch weil sich die E-Zigaretten permanent weiterentwickelten, sei es schwer, Aussagen zu treffen, welche Auswirkungen ein lang anhaltender Konsum hat.

Horst Winkler, Sprecher für den Verband des E-Zigaretten-Handels, berichtet, dass Geschäfte inzwischen häufig Umsatzrückgänge von zehn bis 20 Prozent zu verzeichnen hätten, in Einzelfällen bis zu 50. Viele dieser Unternehmen seien mittelständisch gewachsen, „oft mit Dampfern, die selbst aktiv geworden sind.“ „Leider bleibt das gesundheitspolitische Potenzial ungenutzt“, sagt er. Das habe auch mit „reißerischen Meldungen“ zu tun. „Dabei sollten die wissenschaftlichen Fakten doch Vorrang haben.“

VON CHRISTIAN WACHTER

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