Hilfe zur Selbsthilfe

Mühlheim hilft: Bericht aus Burkina Faso

Sauberes Wasser bedeutet auch Gesundheit: Der Tiefbrunnen verändert das Leben der Menschen in Cissé (Burkina Faso) grundlegend zum Positiven. 
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Sauberes Wasser bedeutet auch Gesundheit: Der Tiefbrunnen verändert das Leben der Menschen in Cissé (Burkina Faso) grundlegend zum Positiven. 

Ein Verein aus Mühlheim unterstützt eine Gemeinde in Burkina Faso. Thorsten Ehmann ist vor Ort und berichtet für die Zeitung.

Mühlheim – Thorsten Ehmann ist Anfang Februar ins Flugzeug gen Westafrika gestiegen. Der Mühlheimer Diplomingenieur für Landschaftsökologie ist Projektleiter beim Verein mit dem etwas sperrigen Namen „Thiogo – Freundeskreis Mühlheim am Main – Nouna / Burkina Faso“.

Die Vorhaben von Thiogo sind allerdings weniger sperrig, vielmehr lobenswert. Der Verein unterstützt die Landbevölkerung rund um Nouna. Die Gemeinde im Westen von Burkina Faso, das zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, ist Ziel von Ehmanns Reise. Der Mühlheimer verfolgt dort die Entwicklung der Projekte persönlich und berichtet davon in loser Reihenfolge in unserer Zeitung:

Im Advent vergangenen Jahres übernahmen die „Altlagerer“ von Sankt Markus gemeinsam mit dem Verein Thiogo e.V. das von den Lämmerspieler Jagdhornbläsern ins Leben gerufene Weihnachtsblasen. Der aus dem „Adventsfeuer 2019“ erzielte Erlös reiste direkt mit nach Burkina Faso. „Thiogo“ repariert in dem Sahelland mit einheimischer Fachkompetenz unter anderem dörfliche Tiefbrunnenanlagen.

Auf „Farafina Tours“ ist Verlass. Alle auf dem Dach des etwas in die Jahre gekommenen Reisebusses verladenen Brunnenersatzteile sind von Ouagadougou ohne Schrammen in der knapp 300 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Nouna angekommen. Immerhin eine 900 Euro teure Fracht mit noch mehr Zukunftswert.

Statt mit den für Burkina ehemals typischen Eselskarren geht es mit dem Tricycle, einem dreirädrigen Lastenmotorad, unter Aufsicht von Ausbilder und Fachwart Seko Coulibaly direkt vom Busbahnhof Nouna über staubige Holperpisten ins 22 Kilometer entfernte Dörfchen Cissé.

Der dortige Brunnenwart Ali Sidibé nimmt die Fracht in Empfang. Es wird fleißig auf Djoula, der hier üblichen Handelssprache, diskutiert und geplant. Zwei Tage später ist es soweit. An der Volanta-Brunnenanlage, die 1993 errichtet wurde, haben sich bereits viele freiwillige Helfer eingefunden. Unser Hauptakteur und Fachmann Seko Coulibaly sowie Koordinator Damien Simboro sind mit dem Vorsitzenden des Brunneninstandsetzungsvereins „Benkadi“, Boureima Konaté, verabredet. Am Anfang steht die Demontage der Altanlage. Das Schwungrad wird mit Spezialwerkzeug abgebaut. Es ist noch intakt und kann am Ende wieder eingesetzt werden. Nach der Demontage der maroden Altteile folgt das Einlassen der neuen Verrohrung, der Gestänge und die Installation des Pumpenkörpers am Ende – bei 45 Metern Fördertiefe ein Balanceakt. Fachmann Coulibaly muss jetzt die Übersicht bewahren und erhebt die Stimme. Er greift jedoch nur selten ein, die Helfer sind Praktiker. Fast jeder in Cissé lebt von der Landwirtschaft oder der Viehhaltung. Die Menschen sind es gewohnt solidarisch zuzupacken.

Die Sonne steht nun hoch am Himmel, bei fast 40 Grad läuft der Schweiß, aber noch kein Wasser. Es ist Trockenzeit, seit der letzten Ernte im Oktober fällt in dieser Region Westafrikas der nächste Regen erst wieder Ende Mai. Als am späten Nachmittag das Förderrohr mit dem Volanta-Schwungrad verbunden wird, kommt der spannende Moment: Nach mehreren Schwüngen steigt das erste Wasser auf und tropft aus dem Hahn – rost-rotbraun, dann immer klarer. Es ist geschafft, nach mehr als 20 Jahren fließt aus dem Volanta-Tiefbrunnen in dem 300-Seelen-Dorf Cissé wieder klares Trinkwasser. Die Freude ist groß, Kinder strömen herbei, man ist spürbar stolz.

In nur einem Tag und mit einem Betrag von unter 1000 Euro tritt eine Zeitenwende in dem Ort ein. Sauberes Wasser bedeutet auch mehr Gesundheit. Für Nachhaltigkeit ist gesorgt: Pro Haushalt wird eine Brunnen-Unterhaltungsgebühr von 200 Franc CFA, rund 30 Euro-Cent, erhoben. Damit sollen etwaige Kleinreparaturen und die Pflege gesichert werden. Brunnenwart Sidibé wird dafür Sorge tragen und dem Vereinsvorsitzenden Konaté berichten. An diesem Tag wird spürbar, wie direkte Hilfe zur Selbsthilfe wirklich aussehen kann.

Von Thorsten Ehmann

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