INTERVIEW

„Mit kalter Schulter ignoriert“: Stadtbrandinspektor zur Situation der Feuerwehr

Vor allem die Kameradschaft fehlt den Aktiven der Feuerwehr, sagen Reiner Nickel (links) und Lars Kindermann.
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Vor allem die Kameradschaft fehlt den Aktiven der Feuerwehr, sagen Reiner Nickel (links) und Lars Kindermann.

Mühlheim – Ein schwieriges Jahr liegt auch hinter den Wehren Mühlheims, Dietesheims und Lämmerspiels. Das weiß auch Lars Kindermann. Er ist seit 2012 Stadtbrandinspektor, hauptberuflich führt er eine Anwaltskanzlei in Hanau. Im Interview spricht der 54-Jährige über die Schwierigkeiten der Feuerwehr während der Corona-Pandemie und über Impfpriorisierung.

Mehr als ein Jahr Corona-Krise. Wie haben die Mühlheimer Wehren die Zeit erlebt?
Die Zeiten, mit Ausnahme kurz vor den Sommerferien 2020, haben der Gruppenbildung, dem Zusammenhalt innerhalb der Mannschaften erheblich geschadet. Auch die Frage der Nachbereitung von Einsätzen, Zusammenkünfte zur Kameradschaftspflege mussten vor dem Hintergrund des Pandemiegeschehens ausgesetzt werden, was die eine oder andere Einsatzkraft von der Feuerwehr entfernt hat. Seit rund drei Wochen sind wir in die Ausbildung an den Standorten Dietesheim, Mühlheim und Lämmerspiel zurückgekehrt, aber auch nur in Staffelstärke mit einem Ausbilder, was auch der Absprache der Stadt- und Gemeindeinspektoren mit dem Kreis entspricht.
Das Gemeinsame fehlt also...
Leider hat auch die Vereinsarbeit erheblich unter diesen Zeiten gelitten, was in Bezug auf Veranstaltungen und der damit verbundenen Kameradschaftspflege geschadet hat. Das Waldfest zum Vatertag ist jüngst auch abgesagt worden.
Wie schwer wiegen die lange ausgefallenen Praxisübungen im täglichen Einsatz?
Der Ausfall der Übungen hat erheblichen Einfluss auf die Einsatzleistungen. Es gab Einsatzkräfte, die sich nicht mehr zutrauten, sicher mit Atemschutzgeräten umzugehen. Auch Maschinisten, also diejenigen, die die Fahrzeuge bewegen und bedienen, haben ihre Unsicherheiten deutlich zum Ausdruck gebracht. Nachdem wir 2020 die neue Drehleiter in Dienst stellten, haben wir bei der Ausbildung an diesem Gerät ausdrücklich Ausnahmen gemacht und im Rahmen einer eins-zu-eins-Ausbildung die Maschinisten auf dieses Gerät trainiert. Glücklicherweise haben wir keine Unfälle im Rahmen der gefahrenen Einsätze verzeichnen müssen.
Lars Kindermann ist Stadtbrandinspektor von Mühlheim
Wie läuft die Ausbildung aktuell?
In Absprache aller Leiter der Feuerwehren und in Abstimmung mit dem Kreisbrandinspektor sind wir dazu übergegangen, mit einer Staffel (sechs Einsatzkräfte) und einem Ausbilder den Übungsbetrieb wieder aufzunehmen. Die Resonanz hierauf ist sehr gut und sowohl die Ausbilder als auch die Einsatzkräfte sind hoch motiviert.
Seit Ende April können sich in Hessen Feuerwehrleute zur Corona-Impfung anmelden. Zu spät?
Bei der Frage der Impfpriorisierung bin ich schlichtweg fassungslos. Pflegekräfte, Krankenschwestern und Ärzte, aber auch andere nachgeschaltete Gruppen, wurden den Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehren im Land Hessen vorgezogen, obgleich gerade diese bei der Arbeit an Patienten, über die keinerlei Vorinformationen bestanden haben, das Nachsehen hatten. Trotz massiven Bemühungen, diesbezügliche Änderungen auf den politischen Ebenen zu erreichen, wurden diese mit der kalten Schulter ignoriert.
Sie sind also von der Politik enttäuscht?
Die erheblichen Gefahren, sich im Einsatz mit dem Covid-Virus zu infizieren und dies dann in die Familien der Einsatzmitglieder zu tragen, stellte ein erhebliches Risiko dar, dem seitens der Politik nicht entgegengewirkt wurde. Wie immer: Dank und Anerkennung – ein konkretes Handeln hingegen fehlte schlichtweg. Ich hätte jedes Verständnis dafür gehabt, dass Mitglieder der Einsatzabteilungen ihre Arbeit niederlegen oder gar aus der Feuerwehr austreten, denn wir nehmen eine gesetzliche Pflichtaufgabe unentgeltlich im Ehrenamt wahr. Dass man uns dann einer solchen Gefahr ausgesetzt hat, kann nur Fassungslosigkeit nach sich ziehen.
Wie haben sich die Einsatzzahlen im vergangenen Jahr entwickelt?
Interessanterweise entsprechen die Einsatzzahlen in etwa dem Niveau des Vorjahres. Eine Verschiebung hat es aber bei den Unterstützungen des Rettungsdienstes einerseits und den Brandeinsätzen andererseits gegeben. Ich kann nur vermuten, dass die nicht abgeschaltete Kaffeemaschine im Homeoffice eher auffällt als sonst.
Gibt’s aktuell überhaupt eine Chance, neue Leute für die Feuerwehr zu gewinnen? Wie macht ihr das?
Das Rekrutieren von neuen Einsatzkräften ist, ich habe es bereits deutlich werden lassen, dann sehr schwierig, wenn die Freiwillige Feuerwehr nicht mehr die Präsenz zeigen kann wie früher. Tage der offenen Türen, Waldfeste, Tag der Feuerwehr oder der Irische Abend waren solche Veranstaltungen, bei denen auch der Bürger die Nähe zur Feuerwehr suchen konnte, sich informieren oder gar überzeugt werden konnte, wie etwa die ehemalige Erste Stadträtin Gudrun Monat. Hieran fehlt es schlichtweg. Ich gebe mich aber der Hoffnung hin, auch in den kommenden Monaten wieder ein wenig Normalität innerhalb der Feuerwehren leben zu können und dann auch wieder die notwendige Außenwirkung erzielen zu können, woran auch die Vereine einen erheblichen Anteil haben.

Das Gespräch führte Ronny Paul.

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