Mit Kind und Fahrrad im Schlepptau

Täglich hat Stadtrat Karl-Heinz Stier in jungen Jahren die Fähre genutzt

Teil der Familiengeschichte: Die Fähre spielt in den Kindheitserinnerungen von Karl-Heinz Stier eine große Rolle. Das Foto zeigt ihn mit seinen Großeltern Justine und Karl-Georg-Friedrich Stier am Dörnigheimer Mainufer. Repro / Foto: man
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Teil der Familiengeschichte: Die Fähre spielt in den Kindheitserinnerungen von Karl-Heinz Stier eine große Rolle. Das Foto zeigt ihn mit seinen Großeltern Justine und Karl-Georg-Friedrich Stier am Dörnigheimer Mainufer.

Die Fähre in Mühlheim ist am Ende. Stadtrat Karl-Hein Stier erinnert sich an ein Leben mit der Verbindung über den Main.

Mühlheim – Zunächst las vergangen Woche der Kreistag in Dietzenbach der Fähre die letzte Messe, anschließend folgte die Stadtverordnetenversammlung in Mühlheim. De facto kam es schon im Oktober 2017 zum Finale.

Der Versuch, den Betrieb mit neuem Pächter wieder aufzunehmen, endete bekanntermaßen am 8. Juli 2019 nach vier Stunden in einer Havarie. Im Widerpart zwischen Herz und Kopf stimmte der Mühlheimer SPD-Kreistagsabgeordnete Karl-Heinz Stier der Stilllegung zu.

Ohne Fähre keine Verbindung zwischen Mühlheim und Dörnigheim

Längs verbinden Flüsse, quer trennen sie. Ohne die Fähre wäre Karl-Heinz Stier sicher nicht zur Welt gekommen. Der Vater des SPD-Stadtrats wuchs drüben im protestantischen Dörnigheim auf. Die katholische Mutter Gertrude kam als Fünfjährige bei Adoptiveltern in Dietesheim unter. Zwei Jahre hatte das 1915 geborene Mädchen im Waisenhaus in Offenbach verbracht. Ihre Eltern starben 1918 an der Spanischen Grippe.

Der ebenfalls 1915 geborene Vater Karl absolvierte in Dörnigheim eine Weißbinderlehre, außerdem betrieb er eine Nebenerwerbslandwirtschaft. Nicht selten stieg er auf die Fähre, um sich auf der Südseite des Mains umzusehen. Damals bahnte sich so manche Ehe sonntags beim Tanztee an.

Auch im Zweiten Weltkrieg spielte die Mühlheimer Fähre eine Rolle

Die früheste Erinnerung von Karl-Heinz Stier an die Fähre hängt mit einem Trauma zusammen. Wohl die meisten, die an Ängsten leiden, ahnen nicht, woher ihr panisches Empfinden rührt. Der 79-Jährige erzählt, wie sich niemand erklären konnte, warum er als Bub immer weinte und schrie, wenn es auf die Fähre ging. Heute weiß er den Grund. Als Vierjähriger hatte Karl-Heinz Stier gegen Ende des Krieges beobachtet, wie die Amerikaner die Fähre versenkten, „ich sah, wie das Teil so langsam absoff“.

Für Stadtrat Karl-Heinz Stier war die Fähre von klein auf ein wichtiger Teil seines Lebens. Sie prägte ihn in vielerlei Hinsicht.

Die Amis wollten wohl eine Wiederholung dessen vermeiden, was ein paar Tage zuvor passiert war, als die Fähre den Tod brachte. SS-Männer hatten Wind davon bekommen, dass Bürger planten, den US-Truppen Mühlheim kampflos zu übergeben. „Die setzten über und erschossen vor dem alten Rathaus drei Menschen“, erzählt Stier.

Schnell fuhr wieder eine Fähre in Mühlheim über den Main

Damals ruhte der Fährverkehr noch nicht mal ein Jahr, bis es wieder losging, was für Stiers Eltern einem Segen gleichkam. Vater Karl eröffnete nach seiner Kriegsgefangenschaft in Bad Kreuznach im Dörnigheimer Elternhaus eine Kleiderfärberei. Es war billiger, der alten Wehrmachtsuniform eine andere Farbe verpassen zu lassen als sich einen neuen Anzug doch nicht leisten zu können. Schließlich mutierte die Färberei zur Wäscherei. Täglich nutzten die in Dietesheim lebenden Stiers mit Kind und Fahrrad im Schlepptau die Fähre. 

Karl-Heinz Stier, der Vorsitzende des Geschichtsvereins, erinnert an die Jahre, als der Regelbetrieb bis 22 Uhr ging, „um 23 und 24 Uhr setzte die Fähre jeweils noch einmal über“. Kurz vor Mitternacht kam es regelmäßig zu hektischen Aufbrüchen, wenn Mühlheimer Zecher von den Terrassen der Dörnigheimer Lokalitäten „Zur Mainlust“ und „Zum Schiffchen“ ihre letzte Chance auf nächtliche Heimkehr anschippern sahen. Wer die verpasste, hatte vielleicht das Glück, privat unter zu kommen, wenn nicht, „musste er zusehen, wie er die Zeit bis sechs Uhr herumbekommt“.

1963 stoppte eine dicke Eisschicht die Mühlheimer Fähre

Manches Mal konnte die Fähre auch früher nicht fahren, bei Hochwasser oder Eistreiben. Stier erinnert sich an das Jahr 1963, als an keinerlei Schiffsverkehr zu denken war, sich der Fluss in der Quere zu Fuß so leicht überwinden ließ, wie seitdem nie wieder, „die Eisschicht war 20 Zentimeter dick“.

Der Stadtrat vermutet, „wohl keinen Kommunalpolitiker verbindet so viel mit der Fähre wie mich“. Schweren Herzens habe er dem Ende zugestimmt. Die letzten Jahre hätten jedoch hinlänglich gezeigt, „es fehlt an Personal“. Unter dem Blickwinkel von durch Corona angespannter Kassen mache es keinen Sinn, aus nostalgischen Gründen viel Geld auszugeben, „die Erinnerung an die Fähre wird nach und nach verblassen“.

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