Mühlheim

Kindergarten: „Beim Spielen ist der Abstand nicht durchzusetzen“

Es sprießt im Waldkindergarten: Kinder begutachten mit Erzieherin Fabienne Forst (links) und Leiterin Meike Capps-Schubert das vom „Zugpferd“ gepflanzte Beet.
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Es sprießt im Waldkindergarten: Kinder begutachten mit Erzieherin Fabienne Forst (links) und Leiterin Meike Capps-Schubert das vom „Zugpferd“ gepflanzte Beet.

Im Lämmerspieler Waldkindergarten steht bei „wilden Rehkids“ die Natur im Mittelpunkt. Sie lernen, was wann wo wächst.

Mühlheim – Hinter hohem Gras, alten Bäumen und zwei Bauwagen führt fröhliches Kindergeschrei in ein Idyll. Auf der Wiese von Nachbar Mathias Ulmer kosten acht „wilde Rehkids“ gerade selbst gezogene Gurken und staunen über das Innenleben von Hagebutten. Kerstin Lochner hat für die Knirpse des Lämmerspieler Waldkindergartens der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Obertshausen eine der orangeroten Früchte aufgeschnitten und pult die Kerne heraus. Sie stammen auch aus dem Hochbeet, das Mitarbeiter des Vereins Zugpferd auf das Gelände gestellt und ausgestattet haben.

„Auf den Streuobstwiesen hier gedeiht schon viel Obst“, zeigt Meike Capps-Schubert über die Fläche am Lämmerspieler Ortseingang an der Wichernstraße. „Dieses Jahr gibt es besonders viele Mirabellen und Eicheln.“ Letztere lieben die Wildschweine, „morgens sehen wir schon an den Spuren, dass sie da waren“, berichtet die Leiterin der Freiluft-Einrichtung.

An der vier Meter langen, ein Meter breiten und 75 Zentimeter hohen, schweren Holzkiste lernen die Mädchen und Jungen, „was wann und wie wächst“, fasst die Erzieherin zusammen. Die Kleinen sollen zu nachhaltigem Handeln erzogen werden, lernen, was vor Ort sprießt – und wie es schmeckt. Und selbst gezogen und zubereitet kosten sie selbst Gemüse wie Kohlrabi und Brokkoli, beobachtet die Pädagogin. „Wir haben gelernt, dass die Stile von Zucchini piksen, aber auch wunderschöne, gelbe Blüten tragen.“

Waldkindergarten in Lämmerspiel: Seit Mitte Juni im „eingeschränkten Regelbetrieb“

In dem Beet entwickeln sich auch Bohnen und Winterkohl, macht Meike Capps-Schubert mit dem Grünzeug vertraut. Eigentlich sollten sie jetzt auch neue Kinder kennenlernen. Die Corona--Pandemie hat die Eingewöhnungsphase verschoben. „Sie kommen erst mit Papa oder Mama, bleiben immer länger und schließlich auch alleine bei uns“, beschreibt die Leiterin das Prozedere, das sie just gestartet haben, als die virusbedingte Schließung verfügt wurde.

Auch bei den „Rehkids“ gab es eine Notbetreuung, Mitte Juni sind sie zum „eingeschränkten Regelbetrieb“ zurückgekehrt. „Die Kinder kriegen die Veränderungen wegen Corona durchaus mit“, beschreibt die Sprecherin die Situation. „Sie haben die Regeln längst verinnerlicht, Hände waschen, niesen und husten in die Armbeuge, das ist ganz normal.“

Auch beim Schnitzen müssen sie mit ausgestreckten Armen überprüfen, dass sich niemand in ihrem Radius aufhält. Oder wenn sie „Flieg’ wie ein Adler“ spielen und ihre „Schwingen“ ausbreiten, dann ist ebenfalls Distanz gefordert. „Und fürs Essen haben sie das schon längst gelernt“, ergänzt die Leiterin. „Aber beim Spielen ist Abstand bei den Sprösslingen nicht durchzusetzen“, deutet Capps-Schubert auf die Versammlung auf Zehenspitzen um das Hochbeet, wo die Kinder dicht aneinander geknuddelt stehen.

Dank Hochbeet gibt's viel Salat

Das Team vom „Zugpferd“ hat insgesamt 20 der hölzernen Konstruktionen angefertigt und in der Stadt verteilt. Der Verein verwirklicht Qualifizierungs- und Beschäftigungsprojekte auf beruflicher und sozialer Ebene und versucht, junge Menschen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. In die Kisten haben sie Schichten aus Ästen und Zweigen, Mäusegitter, Reisig sowie Erde gelegt und dafür gesorgt, dass im Herbst noch mehrere Kohlsorten, Feldsalat und Wintersellerie geerntet werden können.

Neben Kerstin Lochner testet Sigrid Scherer von der Zugpferd-Gemeinschaft im Forsthaus mit den Kids, ob die Brombeeren süß oder sauer sind. Bei den Gurken weisen die beiden Gäste darauf hin, dass die zarten „Ärmchen“ Halt an anderen Pflanzen suchen. Das Zuckererbsenkraut wiederum ist eine Delikatesse für „Opa Ulmers“-Hühner: „Bei uns wird nix weggeschmissen“, sagt Capps-Schubert. (Michael Prochnow)

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