Kolkraben-Paar entdeckt den Markwald

Seltene Kinderstube hoch oben im Baum

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Der Horst, den Olaf Simon im Markwald entdeckt hat. Das Kolkrabenpärchen schlägt Alarm, sobald man sich der altehrwürdigen Kiefer nähert – als Verteidigungsreflex ein Zeichen dafür, dass da oben eine Kinderstube ist. Links: Der Kolkrabe gehört zu den streng geschützten Tieren.

Mühlheim - Naturschützer dürfen jubeln und alle anderen zumindest verinnerlichen, wie sehr ein familienfreundliches Plätzchen in Mühlheim nicht alleine auf dem menschlichen Wohnungsmarkt begehrt ist: Auf einer Kiefer im Markwald brütet ein Kolkrabenpärchen – eine Rarität. Von Marcus Reinsch

Bisher haben die streng geschützten Tiere hiesige Breiten verschmäht.
Als sich Olaf Simon auf den Weg durch Mühlheims wilde Parallelgesellschaft machte, hatte er ja eigentlich eher Amphibien und Libellen im Sinn. Denn die Temperaturen steigen, die Tümpel tauen auf, und an den Laichgewässern herrschen Frühlingsgefühle. Das ist auch hörbar, „die Grasfrösche sind bereits kräftig am Balzen“, sagt Simon. Der Diplom-Biologe des Groß-Gerauer Instituts für Tierökologie und Naturbildung ist gerade dabei, die Waldlebensräume und ihre Bewohner zu kartieren, mit Ergebnissen einer Aktion vor 15 Jahren zu vergleichen und „die naturschutzrechtlichen Entwicklungsmöglichkeiten“ zu benennen, wie er gestern zusammenfasst.

Seine Arbeit ist wichtig für Mühlheim, gegen dessen üppige Natur sich das Grün vieler anderer Städte ziemlich bescheiden ausnimmt. Die Artenvielfalt ist entsprechend; manche das dicht besiedelte Rhein-Main-Gebiet sonst verschmähende Tiere finden das Umfeld des Städtchens als Wohnraum attraktiv. Und jetzt gehört auch mindestens ein Kolkrabenpärchen dazu. Olaf Simon entdeckte den Horst der streng geschützten Tiere, als im Markwald eine altehrwürdige Kiefer seine Aufmerksamkeit erregte.

Ein Glücksfall. Und ein guter Grund, den genauen Ort nicht näher zu benennen. Denn so verständlich die Neugier von Spaziergängern auch wäre, so störend wäre sie. Zumal Simon zwar nicht in das rund 20 Meter hoch gebaute Nest hineingucken konnte, aber fest davon ausgeht, „dass Eier gelegt sind und bebrütet werden“. Denn als er sich näherte, seien die beiden Alttiere aufgeflogen und hätten einen Heidenkrach gemacht.

Ein sicheres Zeichen, dass der Horst auch schon eine Kinderstube ist. Bisher sei der Nachwuchs wohl noch nicht geschlüpft. Normalerweise beginnen Kolkraben mit dem Brüten im Januar oder Februar. Um ihren Horstbaum gelte dann eine Art Bannkreis, der beispielsweise auch für Waldarbeiter tabu sei.

Bilder: Die am stärksten bedrohten Arten

Simon erkannte „eine gewisse artenschutzrechtliche Brisanz“ und alarmierte die auch für Mühlheim zuständige Langener Forstbehörde. Denn einige Bäume im Umfeld des Kolkrabenhorstes seien zuvor zum Fällen gekennzeichnet gewesen. Der Revierförster habe zugesagt, dass zwar noch ein verkeilter Baum rauszuziehen sei, die 100 Meter Schutzradius dann aber natürlich berücksichtigt würden.

Kolkraben sind mit bis zu 65 Zentimetern die größten heimischen Singvögel. Ihre bekanntesten Vertreter leben auf dem Gelände des Londoner Towers im traditionsverliebten England. Wer hierzulande welche in freier Natur entdeckt, den sollte sein nächster Weg in eine Lotto-Annahmestelle führen. Denn er scheint sehr viel Glück zu haben. In Hessen seien die Rabenvögel bis in die Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts komplett verschwunden gewesen, bevor sie sich in den Mittelgebirgen wieder etwas ausbreiteten, sagt Simon. Und von Brutpaaren im Kreis Offenbach südlich der Mainlinie sei bisher nichts bekannt.

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