Mit Tochter geschlafen

Keine Haftstrafe: Bewährung im Missbrauchsfall

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Mühlheim - Das Landgericht Darmstadt verurteilt den Ex-Mühlheimer T. zu zwei Jahren, schickt ihn aber nicht ins Gefängnis. Er hat mit seiner Tochter geschlafen. Doch es gibt mildernde Umstände. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Seit sie ein Kleinkind war, hatte der 43-jährige T. seine Tochter nicht gesehen, weil die Mutter vermeintlich jegliche Art der Kontaktaufnahme untersagte. Entsprechend groß war die Freude auf beiden Seiten, als die damals 14-Jährige über die Internetplattform „Wer kennt wen?“ Kontakt zu ihrem 2008 in Mühlheim lebenden leiblichen Vater herstellte. Beide mochten sich auf Anhieb - doch leider entwickelte sich daraus ein für die Minderjährige ungesundes und strafbares Verhältnis. Sie geriet in eine Abhängigkeitsbeziehung, in der es von August 2009 bis Oktober 2010 zu sexuellen Handlungen mit Vaginal- und Oralverkehr kam (wir berichteten). Gestern endete diese Wiedersehens-Geschichte ohne Happy End vor der 3. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt.

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Wegen sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen in zehn Fällen und der Verbreitung von kinderpornografischen Schriften verurteilte Richter Jens Aßling den Arbeitslosen T. zu zwei Jahren Haft auf Bewährung - und folgte damit nicht den schärferen Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Nebenklage, sondern der Forderung der Verteidigung. „Wir haben uns mit dem Strafmaß sehr schwergetan“, so der Richter in seiner Urteilsbegründung, „aber es ist kaum nachvollziehbar, in welcher Form wer was gemacht hat und wie es dazu gekommen ist.“ Das klingt wie ein Schlag ins Gesicht für die heute 19-jährige Nebenklägerin und für andere Missbrauchsopfer. So, als seien sie durch Verführung des Älteren selbst für ihre Situation verantwortlich. Aßling versucht zu relativieren: „Das Geschehen geht natürlich zu Lasten des Vaters, der Tochter ist kein Vorwurf zu machen.“

Leise Entschuldigung

Als Erklärung für die Bewährungsstrafe - im gesetzlichen Strafrahmen zwischen drei Monaten und fünf Jahren hatte die Staatsanwaltschaft zwei Jahre und zehn Monate Haft gefordert - führt der Vorsitzende gleich eine ganze Reihe von mildernden Gründen an. Er nennt das Geständnis am ersten Verhandlungstag, den langen Zeitraum zwischen Tat und Prozess, die Bereitschaft, 3000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen, und fehlende Vorstrafen. Außerdem sei der Fall ein sehr spezieller: Da sich Vater und Tochter jahrelang gar nicht kannten, habe es kein typisch inniges Verhältnis gegeben, was ausgenutzt werden konnte - welches der Gesetzgeber im Paragrafes 174 um sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen aber anspricht.

Rolf Engeholm, Anwalt der Nebenklage, sieht gerade die Wertung des Geständnisses seitens der Kammer kritisch: „Hätte T. bereits während des langen Ermittlungsverfahrens ausgepackt, wäre meiner Mandantin vieles erspart geblieben.“ Während sich T. nach der Strafanzeige der Mutter in Schweigen hüllte, wurde die Tochter mehrfach „in die Mangel“ genommen, musste sich einem Glaubwürdigkeitsgutachten unterziehen. „Ein reuiger Täter hätte das seinem Opfer erspart“, meint Engeholm. Der Eindruck fehlender Reue ist auch für andere Prozessbeobachter nachvollziehbar: Das „Es tut mir leid“ des Täters vor der Urteilsverkündung kommt äußerst schleppend und leise über seine Lippen.

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