Bis zum letzten Atemzug betreuen

Hospizgemeinschaft: Theologe informiert über ehrenamtliche Sterbebegleitung

Hospizarbeit: Der Theologe Gottfried H. Rudolph referiert über die Aufgaben als Sterbebegleiter.
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Hospizarbeit: Der Theologe Gottfried H. Rudolph referiert über die Aufgaben als Sterbebegleiter.

Eins haben die Reichsten und die Ärmsten, die Klügsten und die Dümmsten gemeinsam: Am Ende ihres Lebens steht der Tod.

Mühlheim – Der Theologe Gottfried H. Rudolph erläuterte Interessierten an ehrenamtlicher Hospizarbeit in den Räumen der Awo, wie sich Seminare für Sterbebegleiter gestalten. Anfangs wundert sich Dr. Frank Wempe, der vor ein paar Monaten die Nachfolge von Dr. Josef Hahn als Vorsitzender der Hospizgemeinschaft Mühlheim übernommen hat: „Mit so viel Zuspruch hätten wir nicht gerechnet. “ Über ein Dutzend Zuhörer sind erschienen. Fast jeder weiß, von was Rudolph spricht, wenn er sagt, Tod und Sterben sei ein von Angst besetztes Thema, „innerlich leisten die meisten Widerstand“. Die Hospizgemeinschaft sehe ihre Aufgabe darin, „Lebende bis zum letzten Atemzug zu begleiten“.

Wenn jemand sagt, „ich mach‘ nicht mehr lang“, reagierten die meisten mit Sätzen wie „das wird schon werden“ oder „sag doch so was nicht“. Dahinter steckt oft die eigene Angst vor dem Tod. „Erst, wenn wir uns damit auseinander setzen, berühren wir die tieferen Schichten des Lebens“, konstatiert Rudolph. Es gebe keine Rezepte, wie Sterbende während der letzten Tage, Wochen oder manchmal auch Monate zu begleiten seien, kein richtig oder falsch. Letztlich ginge jeder mit seinen eigenen Erfahrungen ran. Sterbebegleiter müssten jedoch darauf achten, bestimmte Fehler zu vermeiden. Denn im Angesicht des Todes stelle sich automatisch die Frage: „Was kommt dann?“ Die einen hoffen auf ein von göttlichen Prinzipien bestimmtes ewiges Leben im Jenseits, in dem sie ihre Angehörigen wiedertreffen. Andere sehen den Tod als endgültig, als finales Ende ihres Bewusstseins, wieder andere rechnen mit ihrer Wiedergeburt.

Der Stuhl vor dem Sterbebett dürfe kein Ort sein, den anderen von der eigenen Sicht auf die Welt überzeugen zu wollen, „der Tod fragt nicht nach der Religion“. Rudolph erzählt, in jungen Jahren seine Pfarrstelle schnell wieder aufgegeben zu haben, „ich fühlte mich beengt“.

Die Teilnehmer lernen während der insgesamt 80 Stunden der vier Seminare zur „Grundqualifizierung zum Sterbebegleiter“ auch, das eigene Empfinden einzuschätzen. Die Empathie sollte nicht so weit gehen, mehr zu leiden als die Angehörigen, wenn jemand stirbt. Rudolph erzählt von einer Frau, die sich nicht erklären konnte, warum sie der Tod einer alten Dame so heftig traf. In der Supervision kam sie schließlich darauf, dass die Verstorbene sie an die eigene Großmutter erinnerte, deren Tod sie als Kind eben nicht erlebte. Die Leiche durfte das Mädchen nicht sehen, die Beerdigung nicht besuchen, „plötzlich war die liebe Oma weg“. Die Reflexion eigener Verlust- und Abschiedssituationen bedeute jedoch keineswegs, die geheimsten Winkel der eigenen Seele ausbreiten zu müssen.

In einem der Seminare geht es um die Grundlagen der Kommunikation. Was man dabei lerne, helfe den Teilnehmern auch im Alltag. Immer wieder bekommt Rudolph von Leuten Sätze zu hören wie, „ich rede jetzt auch anders mit Kollegen“. Und Demente vergessen zwar elementarste Zusammenhänge, erkennen den Ehepartner und die eigenen Kinder nicht wieder, „die Mimik ihres Gegenübers können sie nach wie vor lesen.“ VON STEFAN MANGOLD

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