Innenstadt

Treffpunkt Bahnhofstraße: Mühlheims Fußgängerzone stemmt sich gegen den Trend

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Buchhändler Wolfgang Stock freut sich über die Mühlheimer Kundschaft, die Wert legt auf kompetente Beratung im Einzelhandel.

In vielen Kommunen sterben die Innenstädte aus. Nicht so in Mühlheim am Main. Was macht die Bahnhofstraße anders? Eine Spurensuche. 

Mühlheim – Egal ob Groß- oder Kleinstädte, oft sieht es in Stadtteilen oder im Zentrum ähnlich trostlos aus. Spielhallen, Nagelstudios oder Männer-Cafés veröden die architektonisch ohnehin meist tristen Fußgängerzonen.

Fachgeschäfte können gegen die Konkurrenz der Internet-Giganten nur noch schwer ankommen. Auf der unteren Bahnhofstraße hingegen herrscht die Woche über entspanntes Treiben.

Sie habe den Schritt, von Offenbach nach Mühlheim zu ziehen, keine Sekunde bereut, sagt Cornelia Roth. Am 16. Oktober 2016 eröffnete Blumen-Roth an der Bahnhofstraße neben dem Eiscafé Costa. Auch vorher gab es dort ein gut laufendes Blumengeschäft. Roth zog um, weil der Eigentümer der Ladenfläche in Offenbach auf die Idee kam, der Floristin die Miete um 50 Prozent zu erhöhen. Sie kündigte. Nach ihr folgte der nächste Friseursalon in Offenbach. Trotz des Stadtwechsels habe sie etliche Kunden behalten.

Mühlheim am Main: „Die Mühlheimer sind anders“ 

„Die Mühlheimer sind anders“, zieht Roth den Vergleich zu Offenbach. Dort hätte die Kundschaft auch bei ihr wesentlich stärker übers Internet bestellt: „Hier kommen die Leute viel eher in den Laden, weil sie sehen wollen, was sie kaufen.“ Darunter auch Männer, wenn der Hochzeits- oder ein Geburtstag ansteht, oder geknickte Gatten, die zu Hause um gut Wetter bitten müssen. „Man erkennt beim Reinkommen, wer zu welcher Fraktion gehört.“

Cornelia Roth lobt den Gewerbeverein für Aktionen wie die Lichternacht oder das verkaufsoffene Wochenende zum Maimarkt. Ebenso wie Simone Schalansky, die vor vier Jahren schräg gegenüber „Annelie’s – Tee-Kaffee-Feines-Präsente“ eröffnete. Ähnliche Geschäfte mussten anderswo schon schließen, auch in Offenbach. Schalansky weiß, „zwischen einem Handyladen und einem Versicherungsbüro käme kaum jemand rein“. Attraktiv wirke die Bahnhofstraße mit einem Spezialitätengeschäft wie Feinkost Konstantinidis bis zum Reisebüro „Holiday“, Ecke Mozartstraße. Dort endet die verkehrsberuhigte Zone. Nach wie vor sei der Markt am Donnerstag ein Höhepunkt auf der Bahnhofstraße, auch wenn er bei den Mühlheimern nicht mehr so en vogue wie früher sei, sagt Simone Schalansky. „Berufstätige haben morgens nun mal meistens keine Zeit.“ Man müsse sich überlegen, wie der Markt wieder an Strahlkraft gewinnen könne.

Mühlheim am Main: Der Buchladen bleibt, der Unverpackt-Laden begeistert

Anderswo schließen Buchhandlungen, Wolfgang Stock, der Inhaber des Mühlheimer Buchladens, ist davon weit entfernt. Er sieht die Bahnhofstraße ebenfalls in einem guten Licht, „hier gibt es viele Geschäfte, die einfach funktionieren“. Ein Klassiker sei natürlich das Eiscafé Costa. Stock lobt auch die schon genannten Läden. Als weiteren Lichtblick empfindet auch er das Unverpackt-Geschäft „natürlich frei“, das weit mehr Zulauf erfährt, als mancher Skeptiker am Anfang dachte.

Buchläden haben es schwer, gegen Internet-Konzerne wie Amazon zu bestehen. Wolfgang Stock beobachtet aber ein Umdenken in Teilen der Kundschaft, die zunehmend wieder das Ambiente einer Buchhandlung schätzen, das Gespräch mit den Händlern und deren Lesetipps. „Durch unsere Empfehlungen werden viele Autoren erst bekannt“, weiß er und hofft, dass im freien Laden gegenüber ein Geschäft einzieht, das ebenfalls ein bürgerliches Publikum anzieht.

Stock sieht die Bahnhofstraße vor allem in der Funktion als Kommunikationstreffpunkt. Zu Hause im Netz einzukaufen bedeute schließlich auch, nicht aus dem Haus zu kommen, „der Mensch ist aber ein soziales Wesen“.

VON STEFAN MANGOLD

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