Ungewöhnlicher Prozess

Milderes Urteil für Vergewaltiger: Gericht verhängt kein Kontaktverbot

Justitia in einem Gericht.
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Das Urteil fällt milder aus als mancher erwartet hat.

Wegen mutmaßlicher Vergewaltigung seiner damaligen Frau stand ein Mühlheimer vor Gericht. Doch er behauptet, sie nicht zu kennen. Das Landgericht Darmstadt mildert das Urteil nun ab.

Mühlheim – Das Schöffengericht in Offenbach hat Ende November einen 39-Jährigen zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, der seine mittlerweile geschiedene damalige Frau und Mutter seines Kindes im Sommer 2018 in Mühlheim vergewaltigt und zu einem späteren Zeitpunkt ein weiteres Mal geschlagen haben soll. Der Offenbacher Richter hatte den Mann sofort nach dem Urteil in U-Haft gesetzt, wo er fast ein halbes Jahr verbrachte. Das Landgericht Darmstadt änderte das Strafmaß nun auf 23 Monate Gefängnis, ausgesetzt zur Bewährung.

Mann aus Mühlheim vor Gericht: Merkwürdiger Prozess

Das Merkwürdige beim Prozess in Offenbach war, dass der Angeklagte Stiller (Name geändert) damals ebenso bestritt, Stiller zu sein, wie seine ehemalige Frau überhaupt zu kennen. Außerdem sei er aufgrund einer geschlechtlichen Anomalie nicht zeugungsfähig, könne also kein Kind haben. Weil ein DNA-Abgleich der Behauptung widersprach, hatte der Mann einen imaginären eineiigen Zwillingsbruder aus dem rechtsextremistischen Milieu ins Spiel gebracht, der wiederum sollte der Geschädigten die bei ihr mit „NSU“ unterschriebenen eingegangen Drohmails gesendet haben.

Der Angeklagte hatte seine Frau nach der Scheidung massiv durch Mails, Anrufe, falsche Sex-Anzeigen und Auflauern terrorisiert. Auch die Rechtsanwältin der Geschädigten, die als Nebenklägerin auftrat, bekam auf dem gleichen Weg eine Morddrohung. Stillers damaliger Wahlverteidiger wollte die Behauptung der falschen Identität im Offenbacher Prozess nicht konsequent zu Ende spinnen. Der Anwalt hatte den Verdacht einer Persönlichkeitsspaltung ins Spiel gebracht. Für den Fall einer Verurteilung hatte er eine psychiatrische Begutachtung gefordert.

Dem hatte das Gericht in Offenbach nicht folgen wollen. Dort sah man die Mär von der Verwechslung mit einem Bruder im Kontext zu den vielen Vorstrafen wegen Betrugs, die sich neben Beleidigungsdelikten in Stillers Bundeszentralregisterauszug addieren. Im Vorfeld des Revisionsprozesses hatte das Landgericht dem Angeklagten geraten, seine Berufung auf den Rechtsfolgenausspruch zu beschränken. Damit gibt Stiller die ihm zur Last gelegte Vergewaltigung und die spätere Körperverletzung de facto zu. Der Geschädigten erspart der Angeklagte so eine weitere Aussage.

Mutmaßlicher Vergewaltiger aus Mühlheim: Gericht verhängt kein Kontaktverbot

Zur Sache will sich Stiller vor dem Landgericht nicht äußern, auch nicht, was es mit seinem Verhalten im ersten Prozess auf sich hatte. Der Angeklagte entschuldigt sich nun für seine Taten beim Gericht, dreht sich dabei aber nicht zu seiner Ex-Frau um. Staatsanwältin Isabel Schad fordert zwei Jahre Gefängnis zu Bewährung ausgesetzt und die Verhängung eines Kontaktverbots des Angeklagten mit der Geschädigten. Rechtsanwältin Karin Weber, die Vertreterin der Nebenklägerin, stellt die Strafe ins Ermessen des Gerichts, betont jedoch, „dass eine Bewährungsstrafe nur mit einem strikten Kontakt- und Annäherungsverbot vertretbar wäre“. Verteidiger Sven Golüke plädiert für eine Haftstrafe, die sich zur Bewährung aussetzen lässt. Er hoffe auf zukünftige Normalität im Verhältnis seines Mandanten mit der Geschädigten.

Das Landgericht verhängt 23 Monate Gefängnis zur Bewährung ausgesetzt, jedoch kein Kontaktverbot als Bewährungsauflage. Das lasse sich wegen der familienrechtlichen Fragen um das gemeinsame Kind nicht durchsetzen. Das Gericht weist jedoch darauf hin, dass es zu einem Bewährungswiderruf komme, falls dem Angeklagten wieder einfiele, seiner geschiedenen Frau durchs Mails, Anrufe oder Auflauern von neuem nachzustellen. (Von Stefan Mangold)

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