700 Meter Gleise

Mitglieder des Miniatur-Bahnclubs Stellwerk tüfteln an riesiger Anlage

Im Keller der Schreinerei Noll arbeiten die Mitglieder des Miniatur-Bahnclubs Stellwerk an ihrem Schienennetz. Foto: Prochnow
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Im Keller der Schreinerei Noll arbeiten die Mitglieder des Miniatur-Bahnclubs Stellwerk an ihrem Schienennetz.

Es ist der Traum eines jeden Sohnes – hoffen die Väter. Damit sie selbst mal Herr über Weichen und Loks sein können. Mit dem Schienen-Kreisverkehr im Kinderzimmer hat es allerdings nichts zu tun, was in den ehemaligen Räumen der Mühlheimer Schreinerei Noll entsteht.

Mühlheim –  Zwischen 15 und 18 aktive Mitglieder im Alter von 32 bis 86 Jahre zählt der 1957 gegründete Miniatur-Bahnclub Stellwerk. Insgesamt hat er gut 50 Mitglieder, die der Stiftungsfamilie aus dem ehemaligen Bahnsozialwerk (BSW) und dem Eisenbahn-Waisenhort (EWH) für bedürftige Jugendliche und Familien angehören.

Vor knapp vier Jahren zog der Club vom Offenbacher Güterbahnhof in den Keller der Tischlerei in der Friedensstraße 12. Die Dachorganisation zahlt die Hälfte der Miete. Wo früher Fenster gezimmert wurden, entsteht jetzt eine Landschaft mit Städtchen und Dörfern im Stil der „Epochen 4 zu 5“. Das sei für die Bahner der Code für die 90er-Jahre, als im Zuge der Wiedervereinigung Reichs- und Bundesbahn zusammengelegt, die DB privatisiert wurde, erläutert Stellwerk-Sprecher Martin Söhngen. In den Augen der Mitglieder sei das eine spannende, wechselvolle Zeit gewesen. Die Fahrzeuge erhielten ein neues Farbschema, in der „bunten Bahn“ waren auch ältere Loks noch eingesetzt.

Die Anlage entsteht in U-Form im größeren Teil der 57 Quadratmeter messenden Unterkunft. 650 bis 700 Meter Gleise werden sie auf sechs Ebenen verlegen, auf denen einmal bis zu 50 Züge unterwegs sein werden. „Die meisten Bahnen fahren allerdings unsichtbar oder parken in verborgenen Bahnhöfen“, verrät Söhngen. Sie tauchen dann nach einer Weile wieder auf. „Das ist für den Zuschauer spannender und bringt mehr Abwechslung, als wenn alle Garnituren gleichzeitig und permanent sichtbar sind.“

Anfang Dezember hatten sie einen kleinen Probelauf improvisiert, um die Aufmerksamkeit treuer und neuer Eisenbahn-Fans zu erhalten oder zu gewinnen. „An dem gesamten Projekt arbeiten wir aber bestimmt 25 Jahre, bis der letzte Grashalm steht“, versetzt der Sprecher die Besucher in ehrfürchtiges Staunen. Einmal im Jahr soll der Öffentlichkeit der aktuelle Stand präsentiert werden, um das Interesse wach zu halten und Einnahmen für weitere Investitionen zu generieren. In den ersten beiden Jahren nach dem Umzug hat sich die Gruppe allein um die Planung am Computer gekümmert. Ein erster Entwurf wurde wieder verworfen, jetzt steht das Konzept. Die Verbindung zur Tischlerei ist für die „Stellwerker“ ein Glücksfall. Von ihrem Vermieter erhalten sie präzise zugeschnittene Teile für das Gerippe und die Aufbauten. „Die wissen genau, was wir brauchen“, lobt Söhngen.

Im Club hat jeder seine Aufgabe. Unter den Bastlern befinden sich aktive Lokführer, Lkw-Fahrer und Energieanlagenbauer. „Unser E-Guru kennt die Anlage nur von unten“, stellt der Dachdecker den Elektriker vor. „Ich bin immer mit den Großeltern mit der Bahn in Urlaub gefahren“, Opa und Papa Söhngen haben auf dem Dachboden eine Anlage ausgebaut, begründet Martin Söhngen seine Liebe zur Schiene.

Nur freitags abends treffen sich die Konstrukteure im Souterrain. Es sei schwierig, Nachwuchs einzuweisen, haben die Bahn-Freunde erfahren müssen. Erstmals ist jetzt eine technikinteressierte Frau in die Männerdomäne eingedrungen. Neben dem Strippen-Ziehen, Arbeiten an Stichsäge und mit dem Industrie-Staubsauger, mit Schraubenzieher und der eigenen Steuer-Software steht, auch ein gemeinsames Essen auf dem Plan. Sie organisieren zudem Flohmärkte, Börsen und Ausflüge zu anderen Bahn-Bauern, denn die Vereinsarbeit habe auch eine soziale Komponente. „Wenn wir dann wieder einen Abschnitt der Öffentlichkeit vorstellen“, erzählt der Pressewart, „und Kinder mit leuchtenden Augen vor den Zügen stehen, dann ist das unser Lohn“.

Weitere Informationen auf mibaclub.de.

VON MICHAEL PROCHNOW

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