„Interessengemeinschaft größere Spuren“

Nachhilfestunden für den Zug

+
Zahlreiche Modelleisenbahn-Fans lockte die Ausstellung der „Interessengemeinschaft größere Spuren“ in das Haus an der Dieselstraße.

Mühlheim - Einige Prominente gänzlich unterschiedlicher Provenienz pflegen zumindest still eine gemeinsame Leidenschaft: Sie frönen Modelleisenbahnen. Darunter sollen sich etwa der Popmusiker Phil Collins sowie die Politiker Michail Gorbatschow oder Horst Seehofer befinden. Von Stefan Mangold 

Viele Freunde des Themas schauten sich nun in Mühlheim die Miniatur-Eisenbahnstrecke an der Dieselstraße an. Die „Interessengemeinschaft größere Spuren I/II“ (IGGS-Rhein-Main) trifft sich seit elf Jahren in einem großzügigen Büroraum, um an ihrer Strecke zu bauen. Dem Klub, dessen Mitglieder wert darauf legen, kein Verein zu sein, gehört auch Roman Hahn an, der Eigentümer des Fachgeschäfts „Modellbahn Paradies“ im Erdgeschoss. Jeden Montag arbeiten die zehn aktiven Mitglieder der IGGS-Rhein-Main im dritten Stock des Hauses gemeinsam an der über 150 Meter langen Bahnstrecke. Das dauert stets mindestens drei Stunden, manchmal auch länger, sodass nicht nur einer wie Gert Schirmer gelegentlich von der Gattin einen „Rüffel“ bekommt, wenn er gar zu spät nach Hause kommt.

Das passierte gerade in den vergangenen Wochen eher häufiger. Wilhelm Grupe erzählt, seit eineinhalb Jahren sei dort kein Zug gefahren – bis kurz vor der Ausstellung. In dieser Zeit erhöhten die Mitglieder die Strecke um einen Dezimeter, um Platz für Schubladen zu schaffen. „Solche Vorhaben werden dann in Ruhe besprochen“, beschreibt Grupe den Meinungsbildungsprozess, „ich stand der Idee wohlwollend neutral gegenüber“. Letztlich charakterisiert der lange Stillstand auf den Gleisen, wo normalerweise die Züge im Maßstab von 1:32 fahren, das Wesen des Hobbys: Eine Modellbahnstrecke beschreibt einen Kreis und endet nie. Es kann keinen Zielpunkt geben, an dem die Gruppe konstatiert, „alles ist perfekt, wir verändern gar nichts mehr“. Von außen betrachtet, wirken die Treffen wie ein Ritual, die langsamen Mutationsprozesse wie ein Gegenstrom im Smartphone-Zeitalter, in dem sich die Aufmerksamkeitsspanne vieler schon nach wenigen Sekunden erschöpft.

Im Nebenraum arbeitet Thomas Thum. Der Wehrheimer gehört zwar voll dazu, spielt jedoch eine Sonderrolle. Der 55-Jährige beschäftigt sich als einziger mit dem Thema Spur II, das heißt, Anlagen wie seine fahren eher durch den Garten, weil die Züge um einiges größer sind, obwohl Thums Lokomotive auch auf den Gleisen im Hauptraum fahren könnte. Der gelernte Elektriker, der als Servicetechniker in Sachen Beleuchtung in der ganzen Republik für Theater unterwegs ist, bastelt mitunter über Jahre an Fachwerkhäusern, die hinterher so realistisch wirken, als hätte sich tatsächlich die Patina der Jahrhunderte über sie gelegt. Thum plant, in dem relativ kleinen Raum, wo es an diesem Tag Würstchen, Schmalzbrot und Kaffee gibt, seine Spur II-Anlage irgendwann so weit entwickelt zu haben, dass auch die große Lok im Maßstab von 1:22,5 dort Runden fahren kann.

US-Modellbahn-Convention in Rodgau: Fotos

Mit 17 Jahren das jüngste Mitglied der Gemeinschaft ist Tim Schwarz, seit drei Jahren mit von der Partie. Tim unterscheidet sich von den meisten Modelleisenbahnern. Die fingen in der Kindheit an, pausierten in der Jugend, um meist in der Vaterrolle als Erwachsene wieder einzusteigen. Tim blieb bei der Stange. Wie die meisten sammelt er Modelle der Epoche 3, Züge der Deutschen Bundesbahn bis in die 70er Jahre. Der Epoche 2 widmet sich einer wie Jost Weil. Der Mann sammelt Eisenbahnmodelle der einstigen Reichsbahn, deren Originale noch lange nach dem Krieg durchs Land fuhren, besonders in der früheren DDR.

Sicher gibt es billigere Hobbys. Die Lokomotive, die Tim Schwarz sich gönnte, kostete so viel wie mancher gebrauchte Kleinwagen: 2700 Euro. Ein Preis, den die wenigsten Erwachsenen so einfach aus der Portokasse zahlen können, schon gar keine Schüler. In der Lok und den Waggons stecken daher einige hundert Nachhilfestunden, die Tim in Deutsch und Englisch gibt.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare