Infiziert mit Kreativität und Engagement

„Mühlheimer Kultur United“ im Schanz

In der Eigenproduktion des „FEG on Stage“ dreht sich alles um „Das Desinfektionsmittel – die Geschichte eines Dufts“.
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In der Eigenproduktion des „FEG on Stage“ dreht sich alles um „Das Desinfektionsmittel – die Geschichte eines Dufts“.

Bei „Mühlheimer Kultur United“ präsentieren sich acht Gruppen bei drei Vorstellungen im Schanz. Die Einnahmen fließen in einen guten Zweck.

Mühlheim – Eine Achterbahnfahrt der Gefühle ist am Wochenende gleich dreimal durchs Schanz geschossen: Acht Theatergruppen zeigen mit Spaßfaktor und Gänsehaut-Szenen, wie Kultur mit Corona funktionieren kann. „Mühlheimer Kultur United“ ist ein Wink, wie’s in Zukunft weitergehen kann: Gemeinsam, motiviert, infiziert mit Kreativität und Engagement.

Das „Erste Dietesheimer Hausmeister-Kabarett“ kann sogar zaubern.

Das Programm beeindruckt durch hohes Niveau und enorme Vielfalt. Die leichte Muse bedient XXL-Barde Rudi Eitel sonst am Fähranleger. An seiner einstigen Wirkungsstätte donnert er nicht mehr als „König Henninger“ gekrönt. Jetzt grübelt er übers „weltbekannte Geheimlabor“, in dem „eine Fledermaus ins Reagenzglas gemacht hat“. „Was Ähnliches“ sei in Lämmerspiel passiert, sodass im Bierglas kein Schaum mehr schwimmt. „Für uns das allerschlimmste ist, dass auch unsere Urlaubsländer betroffen sind: Alles ist zu, so was hab’ ich noch net erlebt“. Das „blondierte Trampeltier, täuscht euch net, des is’ kaan klaane Dumme, hat ein Gläschen Sakrotan gesoffe’“. Putin vertreibe seinen Impfstoff über die North-Stream-Gasleitung.

„Simmer froh, wir habbese noch, unser’ Mutti und das Corona-Dreigestirn“, Minister Spahn, Prinz Markus aus Bayern und Olaf, den Goldesel: „Billionen zahlt der locker“. Die „Querdenker“ machen es sich leicht, „wenn kein Hirn zwischen den Ohr’n“ ist. Comics im Kopf zeichnet er auch mit der Reportage, wie er Nudeln und Klopapier am Rolltor des Discounters abpasst – Rudi ergattert 96 Pakete – aber Küchenrollen. Zur Akkordeonbegleitung singt er noch von der „Corona-Polizei“.

Die Ensembles zeigen Altbewährtes oder Angefangenes. Querbeet bringt zwei Titel in ihrer Viertelstunde unter. Vor einer „Toten“ klärt Kommissar Tierschinger mithilfe einer Erzählerin die Tat, findet den Ehering und eine Affäre des Ehemanns der Solarstudio-Betreiberin im Hundehaufen – trockener Humor in Krimi-Verpackung. Fall zwei ist eine erotisches Abenteuer. Herr Müller teilt mit Frau Schmitt sein Bett. Sie drangsaliert ihn, er fragt, „wollen wir so tun, als wären Sie meine Frau? – Dann holste mir ne Flasche Bier und bringst dein Wasser selber mit.“

„Es geht immer um Duft“: Ein Dutzend ganz in Schwarz Gekleideter aus dem Q3-Jahrgang des Friedrich-Ebert-Gymnasiums (FEG) schafft mit einem Klatsch-Stampf-Rhythmus Einheit. Am 7. Juli 1738 wird eine Mutter nach ihrer fünften Niederkunft verhaftet, weil sie ihre Kinder umgebracht hat. Alle waren unehelich, keiner der Väter wollte Verantwortung übernehmen. Verhütung? „Ich war zu jung, hatte kein Geld! Am meisten bereue ich, dieses bestialische Geschöpf zur Welt gebracht zu haben.“

„Du riechst nach gar nichts!“ präsentiert die Truppe eine weitere Szene aus dem selbst produzierten „Desinfektionsmittel – die Geschichte eines Duftes“. „Mir wurde nie Beachtung geschenkt, jetzt ist es soweit“, heißt es in der dramatischen Choreografie aus dem FEG. Mit dunklen, hektischen Szenen auf der Leinwand kommt die Formation Finsternacht daher. Sie lässt vom Publikum an den Tischen Rätsel lösen: „Ein neues Grauen ist tief in den dunkelsten Wäldern Mühlheims. Ihr seid unsere letzte Hoffnung, helft uns“, lautet die Botschaft.

Acht auf einen Streich: Der Vater der Teilzeitdenker-Titelfigur (links) arbeitet auf dem Feld – mit Konfetti auf dem corona-freien Schanz-Parkett.

Auch die Ausschnitte aus der „Welle“ machen Appetit auf mehr. „Ist Faschismus heute wirklich nicht mehr möglich?“ Die Jugendlichen vom Frühbeet zeigen, dass Gleichschritt und Gehorsam noch immer Gefolgschaft finden. Die Welle auf der Maske ist ihr Erkennungszeichen, „Disziplin gibt uns das Recht zum Handeln“. Auch Frühbeet bereichert den Auftritt um Film und Gesang.

Die Teilzeitdenker richten den Fokus auf selbstbewusste und fein herausgearbeitete Charaktere. Minimalistische Ausstattung hebt die Rollen hervor, gleiche Brillen signalisieren, dass alle dieselbe Person verkörpern. Die versierte Gruppe setzt selbst Kommentatoren auf den Balkon, an den Vater des Verstorbenen erinnert ein Konfetti schaufelnder Arbeiter im Saal.

Der grantelnde „Hausmeister“ Stefan Heberer lässt mit Kollege Erwin Wasser in der Zeitung verschwinden. Sie schmettern im Udo-Jürgens-Sound, „ich war noch niemals in Bad Orb, war auch nie in Lämmerspiel“. Wenn der üppige Text mit all den Ortsnamen nicht immer parat ist, erhält das Publikum Gelegenheit, sich nach den ernsten Momenten entspannt zu amüsieren. Dazu war auch das Spaßtheater angetreten, es muss aber wegen einer Erkrankung fernbleiben.

„Ich bin die Mücke“, stellt sich Gala-Organisatorin Laura Katharina Mücke vor, dankt allen und erklärt, der Erlös fließt an „Rettet Kinder – Rettet Leben“. (Michael Prochnow)

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