Anfang bei Null in Mühlheim

Nach der Flucht aus Afghanistan fand Samiullah Qader Kamgar Halt in der Malerei

In der Ausstellung im Netz zeigen Samiullah Qader Kamgar und seine Kuratorin Gulnigor Tilloeva einen Querschnitt des Werks des Malers.
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In der Ausstellung im Netz zeigen Samiullah Qader Kamgar und seine Kuratorin Gulnigor Tilloeva einen Querschnitt des Werks des Malers.

Eigentlich hätte am vergangenen Montag die Ausstellung „Lebensgeschichte und ihre Spuren in Bildern“ des Lämmerspielers Samiullah Qader Kamgar im Foyer des Rathauses beginnen sollen. Wegen Corona darf zur Zeit aber niemand rein, der nicht muss. Als Beitrag zu den Interkulturellen Wochen verlegte der Freundeskreis der Mühlheimer Flüchtlinge die Ausstellung nun ins Internet.

Mühlheim – Samiullah Qader Kamgar und Gulnigor Tilloeva können sich in ihrer Muttersprache unterhalten. Der Maler kommt aus dem Teil Afghanistans, in dem die Menschen Farsi sprechen, die für den Freundeskreis als Kuratorin agierende Sozialwissenschaftlerin Tilloeva stammt aus Tadschikistan, wo man ebenfalls in der persischen Sprache kommuniziert.

Samiullah Qader Kamgar erzählt, wie er weinen musste, als der Flieger im April 2015 abhob. Kamgar spürte neben seiner Frau die Erleichterung, Afghanistan lebend verlassen zu können. Das half jedoch nicht über das Wissen hinweg, „ich verliere gerade meine Existenz“. Sieben Semester hatte der heute 29-Jährige Medizin studiert. Ein halbes Jahr vor dem Examen musste er weg.

Mit 13 Jahren nahm Kamgar an einer Ausstellung in der Universität von Masar-e Scharif teil. Ausländischen Besuchern gefielen seine Bilder, ohne dass sie zunächst wussten, dass der Künstler noch ein Kind war. Nach der Vernissage hielt der junge Schüler den Kontakt zu einer Majorin der Bundeswehr. Die Frau koordinierte im Camp Marmal unweit von Masar-e Scharif am Hindukusch die Dolmetscher. Nach dem Abitur konnte Kamgar als Englisch-Übersetzter dort anfangen. Ein privilegierter Halbtagsjob, „damit konnte ich mein Studium finanzieren“.

Die Angst schwang aber immer mit. Jeder Afghane, der für ausländisches Militär arbeitet, stehe potenziell auf den Todeslisten der Taliban. Auch dessen familiäres Umfeld müsse sich fürchten. Kamgars spätere Frau lebte deshalb auch nach der Heirat bei ihren Eltern.

Der Maler beschreibt die Taliban als Männergruppe, die außerhalb der Religion kein Thema interessiert. Maximal zehn Prozent der Afghanen wünsche sich die Sekte an die Regierung zurück, schätzt der mittlerweile in Lämmerspiel lebende Kamgar, „aber sie lassen sich nicht militärisch stellen, sie kommen nachts oder aus dem Hinterhalt“.

Anfang 2015 stand Kamgar mit Bundeswehrsoldaten vor dem Camp, als vermummte Typen auf Motorrädern vorbei fuhren. „Warum arbeitest du für die Besatzer?“, rief jemand. Ein anderer fotografierte ihn. Abends fuhr der Student nicht nach Hause, sondern über Umwege in das Viertel, in dem sein Bruder wohnte. Dort kam er erst mal unter.

Bald darauf lag ein Foto von seinem Gesicht vor der Türe. Die Taliban hatten mit dem Bild auf dem Smartphone nach ihm gefahndet und ihn schließlich gefunden. Kamgar übernachtete nur noch im Camp der Bundeswehr. Fest stand, „ich kann nicht bleiben“. Das sahen auch die deutschen Offiziere so, die Kamgar und seine Frau in ein Flugzeug nach Frankfurt setzten.

In Deutschland habe er den ersten Monat genossen, „ich fand alles schön“. Dann schlich sich das Gefühl der Einsamkeit ein, „das Wissen, jetzt komplett bei Null anzufangen, die Sprache lernen und sich integrieren zu müssen“. Mit der Zeit löste sich die deprimierte Grundstimmung, „irgendwann siehst du Licht am Horizont“. Kamgars Ziel ist es, nach bestandenen Deutschprüfungen sein Medizinstudium wieder aufzunehmen.

Die Malerei half auch, sich durch die Krisen zu manövrieren. Samiullah Qader Kamgar gehört zu dem Typus von Künstler, der sich dank seines Talents in verschiedenen Stilen bewegen kann, ohne sich in Beliebigkeit zu verlieren. Mit Elementen des Verismus malt der Kreative die große Moschee in Kandahar. Fauvistische Spuren finden sich auch in den Farben der nächtlichen Frankfurter Innenstadt mit dem Commerzbank-Turm in Zentrum, wie auf dem Bild mit den gleichen Motiven, diesmal jedoch bei Tageslicht aus der Sicht von Sachsenhausen. (Von Stefan Mangold)

Infos im Internet auf freundeskreis-muehlheim.de/ausstellung-2020

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