Oster-Erinnerungen

Kulinarisch getaktet: Gerda Brinkmann erinnert sich an ihre ersten Ostererlebnisse

Mühlheimer Gerichte: Gerda Brinkmann und der Geschichtsvereinsvorsitzende Karl-Heinz Stier bei der Präsentation des Buchs „Fabuliert & Schnabuliert“, das in der Krisenzeit verstärkt bestellt wird.
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Mühlheimer Gerichte: Gerda Brinkmann und der Geschichtsvereinsvorsitzende Karl-Heinz Stier bei der Präsentation des Buchs „Fabuliert & Schnabuliert“, das in der Krisenzeit verstärkt bestellt wird.

Ostern gestaltet sich auch im Haus von Gerda Brinkmann in diesem Jahr ganz anders. Die 81-Jährige bekommt zwar von Kindern und Freunden Besuch, „aber nur im Hof und mit zwei Metern Abstand“.

Mühlheim – Die Frau der Mühlheimer Babbelrundgänge und pfiffigen Anekdoten erinnert sich an das erste bewusst erlebte Ostern ihrer Kindheit.

„Der Osterhase besitzt Systemrelevanz“, erklärte die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern auf einer Pressekonferenz zu Corona an die Kinder des Landes gewandt. Allerdings könne es passieren, dass er verhindert ist, „weil er sich gerade ganz viel um seine eigenen Kinder kümmern muss“.

Der Osterhase hätte aus ähnlichen Gründen auch damals keine Zeit haben können. Gerda Brinkmann erinnert sich noch genau an dessen ersten Auftritt in ihrem Leben, als sie an Gründonnerstag im Spinatbeet plötzlich ein knallrotes Ei entdeckte. Vater Josef erklärte, „das hat der Osterhase hingelegt“. Der wurde am folgenden Sonntag noch mal verschärft aktiv, als er gleich mehrere bunte Eier in einem Nest im Garten hinterließ. Ein großzügiger Akt, denn es herrschte Krieg, „ich muss vier Jahre alt gewesen sein“, sagt Brinkmann. Später erfuhr sie, dass es ihrem Vater gelungen war, auf seiner Arbeitsstelle in der Frankfurter Naxos-Union Tütchen mit Färbemittel zu ergattern. Die führten einmal zu Schimpfe, als Gerda selbst damit experimentierte. Noch lange zeugte ein blauer Fleck auf dem Dielenboden davon.

Brinkmann berichtet, welchen unterschiedlichen Stellenwert der Karfreitag für die Konfessionen hatte: „Für die Protestanten war das der höchste Feiertag.“ Die seien schon morgens fein angezogen an ihrem Elternhaus an der Friedrichstraße vorbei zur evangelischen Kirche an der Büttnerstraße spaziert. Vater Josef düngte derweil die Johannisbeeren. Die Katholiken zog es erst mittags Richtung St.-Markus-Kirche.

Der 81-Jährigen geht es wie vielen, auch sie kann nicht genau bestimmen, wann ihr Glaube an den Osterhasen ins Wanken geriet. Man diskutierte unter den Kindern im Viertel dessen Existenz. Die Älteren konstatierten: „Den gibt es nicht.“ Anfangs konnten die Eltern Gerdas Zweifel noch ausräumen, „die erklärten klar: Der Osterhase bringt die Eier“. Bis zum nächsten Jahr setzte sich die Aufklärung dann durch. Schlimm war das nicht. „Hauptsache, wir konnten suchen.“ Der Glaubensverlust war zu verschmerzen, weil für die Geschenke nun offiziell die Eltern in die Bresche sprangen.

Neben Eiern und Süßigkeiten versteckte Mutter Christina auch mal neue Strümpfe oder einen Dobsch. Der Peitschenkreisel gilt als klassisches Spielzeug jener Jahre. Auf der Straße ließ sich wegen des Kopfsteinpflasters damit nichts anfangen, „aber beim Nachbarn lagen Platten aus“. Glücklich sei die Frau nebenan über den Radau im Hof nicht gewesen, „aber sie hat es tapfer ertragen“.

Kulinarisch gestaltete sich Ostern ziemlich getaktet. Am Gründonnerstag gab es Grüne Soße, am Freitag Hering und am Samstag Eintopf. Am Ostersonntag kam normalerweise der Bräter zum Einsatz. Gerda Brinkmann beschreibt die Osterküche auch in „Fabuliert & Schnabuliert: Mühlheimer Geschichten rund ums Essen“. Das Buch des Geschichtsvereins, das anhand regionaler Rezepte vor allem die Atmosphäre der Nachkriegsjahre einfängt, wird gerade in Zeiten von Corona verstärkt bestellt.

Gerda Brinkmann erzählt, wie sie als Kind weinte, weil der Hase aus dem Stall plötzlich leblos ausgestreckt im Hof hing. Die Mutter hatte ein Einsehen und bat die Nachbarin, den Hasen fern von Gerdas Blickfeld bei sich zu platzieren. Irgendwann vermissten die Brinkmanns dann ihre Katze, die auf alles Rufen nicht reagierte. Schließlich fand sich das Tier schlummernd bei den Nachbarn im Bett. Davor lag ziemlich aufgefressen auch der Hase ...

VON STEFAN MANGOLD

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