Zukunftsmusik statt eingestaubte Klänge

Ein Rückblick auf 175 Jahre Vereinsgeschichte des Sängerkranzes Dietesheim

Immer ein Lied auf den Lippen: Seit 175 Jahren lassen die Mitglieder der Sängerkranzes Dietesheim ihre Stimmen erklingen.
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Immer ein Lied auf den Lippen: Seit 175 Jahren lassen die Mitglieder der Sängerkranzes Dietesheim ihre Stimmen erklingen.

„Sind wir von der Arbeit müde, ist noch Kraft zu einem Liede. “ Dieses Motto haben sie sich beim Sängerkranz Dietesheim in Mühlheim auf die Fahne geschrieben.

Mühlheim – Und eigentlich hätten sie dieser Tage auch noch Grund zu einem Jubelgesang – allein die Politik fordert Zurückhaltung – denn die Basaltköpp’ feiern ihren 175. Geburtstag. Damit ist der Sängerkranz Dietesheim die älteste Chorgemeinschaft in der Mühlenstadt und eine der traditionsreichsten in Hessen.

Sie wurde bereits 1845 gegründet, als es in ganz Deutschland kaum zwei Dutzend Chöre „auf volkstümlicher Basis“ gab, so ist es in der Vereinschronik festgehalten. Zu den Gründern gehörten Hobbysänger wie Adam Hainz VI., Adam Kaiser, Nikolaus Lindenfeld, Adam Schwemmler, Alois Spahn und Peter Spahn. Kaspar Jung III. war über viele Jahre Präsident, nach dem Krieg standen Johann Bieker, Jean Adam, Peter Müller, Jakob Bonifer und Edgar Dörflein an der Spitze. Von 1993 bis ins vergangene Jahr hieß der Vorsitzende Helmut Jung.

Mühlheim: Chormeister Hermann Gesser 46 Jahre lang am Taktstock

Den Taktstock schwangen meist Lehrer, „die sich damals weit mehr als heute auch außerhalb ihrer Schulstube mit kulturellen Dingen beschäftigten und sich Vereinen zur Verfügung stellten“, heißt es in der Chronik. Ehren-Chormeister Hermann Gesser aus Steinheim führte die Männer von 1934 an 46 Jahre lang. Ihm folgte der Musikpädagoge Gerhard Jenemann aus Alzenau-Michelbach. Ab 1984 dirigierte Musikdirektor Manfred Küchler aus Rodgau-Dudenhofen. Unter seiner Ägide gelang dem Frauenchor 2001 ein Neustart.

Schon 1937 rief der Vorstand einen Knabenchor ins Leben, der 1980 in einen Kinder- und Jugendchor umgewandelt wurde. Damit pflegt der Jubelverein am längsten die Arbeit mit dem Nachwuchs. Hubert Reuter, Dr. Johannes Großhard, Jürgen Bischoff und Karl-Heinz Kern leiteten die Schüler. 1993 übernahm Stefanie Sattler den Kinderchor, der bald mangels Stimmen aufgelöst werden musste. Bis heute führt sie „The Females“.

Durch den Ersten Weltkrieg war der Chor so klein geworden, dass man spöttisch vom „Sängerkränzche’“ sprach. Dass der Wiederaufbau des Chores und der gesamten Vereinsarbeit von Erfolg gekrönt war, dokumentieren die vielen Preise, die der Sängerkranz von Gesangswettbewerben in den 20er- und 30er-Jahren mit nach Hause brachte.

Mühlheim: Internationaler Austausch mit Gleichgesinnten

Nach dem Zweiten Weltkrieg „mussten die Jüngeren erst wieder mit der demokratischen Form des Vereinslebens vertraut gemacht werden“, hält die Chronik fest. Der Sängerkranz erhielt die Zelterplakette des Bundespräsidenten und die Silberne Plakette des Hessischen Ministerpräsidenten.

Zu den besonderen Ereignissen zählen die Konzerte der Jugendabteilung. Unterstützt von jungen Sängern des Männerchors trat sie mit den weltberühmten „Regensburger Domspatzen“ in der Stadthalle Hanau und im Bürgerhaus Mühlheim auf. Auch der Männerchor füllte vor der Eröffnung der Willy-Brandt-Halle die „gut’ Stub’“ Hanaus. Aus seinen Reihen entsprangen die „Weinlerchen“. Die Chöre pflegten einen Austausch mit Gleichgesinnten in der französischen Partnerstadt St. Priest, sangen in Italien, Holland, Ungarn, England, Jugoslawien und Österreich.

Viele Einwohner schwärmen noch vom rauschenden Jubiläum des Sängerkranzes mit Festzelt und -zug, Discoparty und dem Volksmusik-Paar Marianne und Michael 1995. Und von dem weit über die Mühlenstadt hinaus bekannten Mittwochsrummel in den Fastnachtswochen. Bis heute stehen Kappenabende, Sommerfeste und Konzerte auf dem Programm der vier Formationen.

Mühlheim: Neue Doppelspitze für den Chor

Mit der neuen Doppelspitze, Leonhard Alig und Till Schmid, und dem jungen Dirigenten Max Nickel weisen fast 140 Sänger in Männer- und Frauenchor sowie „Females“ den Weg in eine neue Chorkultur. Dem Projekt „Zukunftsmusik“ haben sich im August 2019 spontan 40 Interessierte angeschlossen. „Weltoffenheit ist ein Stichwort“, sagt Presssprecherin Nicole Bieker. „Wir können uns gut vorstellen, mit Menschen anderer Nationalitäten zu singen, viele Altersklassen zusammenzubringen.“

VON MICHAEL PROCHNOW

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