Szenische Lesung über NS-Regimekritiker

Wenn die Welt in Stücke fällt

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Ein Zeichen gegen das Vergessen: Als Helmuth James Graf von Moltke und Freya von Moltke tragen Daniel Hefflebower und Tina Schuckmann einen Briefwechsel des Paars vor.

Mühlheim – Auch kurz nach der Aufführung sind die beiden Hauptdarsteller von dem eben gespielten Schauspiel „Wenn die Welt in Stücke fällt“ noch tief ergriffen. Von Burghard Wittekopf 

„Die Handlung berührt mich immer wieder und man braucht eine gewisse Zeit, um die Ereignisse zu verarbeiten“, sagt Tina Schuckmann, Darstellerin der Freya von Moltke. Auch Daniel Hefflebower, der den 37 Jahre alten Juristen Helmuth James Graf von Moltke (1907-1945) spielt, erzählt von seinen Erfahrungen mit dem Theaterstück: „Die Rolle ist eine der anspruchsvollsten, die ich bisher gespielt habe“, sagt er. „Ich nehme mir die Zeit vor dem Auftritt und versuche, mich in die Person von Moltke hineinzuversetzen, wie er im Gefängnis sitzt, ohnmächtig, der menschenverachtenden Nazi-Justiz ausgeliefert und den Tod vor Augen. “.

Das Theaterstück steht ganz im Zeichen von „Wider das Vergessen“ und ist von Regisseur Michael Becker als szenische Lesung arrangiert worden. „Die Moltke-Briefe sind 2006 erschienen und haben mich, seitdem ich sie gelesen habe, nicht mehr losgelassen“, erzählt er. „Zum Achtzigsten Jahrestag der Reichspogromnacht wollten wir mit unserer Theatergruppe auch einen Beitrag leisten und da haben sich die Moltke-Briefe angeboten.“ Doch diese allein waren Becker nicht genug. „Ich wollte den Rahmen des Theaterstücks erweitern und möglichst in die Gegenwart transportieren“, erzählt er. „So beleuchten wir Themen wie Faschismus, Widerstand, Krieg und seine Folgen anhand verschiedener Quellen.“

Pfarrer Ralf Grombacher ist durch seinen Freund und Bandpartner Wolfgang Prieß, der selbst Mitglied der Theatergruppe ist, auf das Stück aufmerksam geworden. Also lud er sie für die Veranstaltungsreihe „Kultur- und Eventkirche“ ein.

Auf der Bühne gibt es ein Stehpult, an dem Freya aus ihren Briefen liest und einen Käfig, – symbolisch für die Berliner Strafanstalt Tegel – in dem von Moltke an einem Tisch sitzt. Bilder und Videos, die an den Bühnenhintergrund geworfen werden, zeigen Szenen aus der Nazizeit und der Gegenwart. Tiefe, monotone Musik, die von Wolfgang Prieß komponiert wurde, verstärkt die beklemmende Situation.

Zu Beginn der Aufführung werden Texte aus verschiedenen Quellen, die sich mit Faschismus und dem Widerstand befassen, gelesen. Der Hauptteil spielt Ende 1944 in der Strafanstalt. Von Moltke ist inhaftiert und wartet auf seinen Prozess. Als Führungsmitglied des „Kreisauer Kreis“, der sich mit der politisch-gesellschaftlichen Neuordnung nach dem angenommenen Zusammenbruch der Hitler-Diktatur befasst, wird ihm Hochverrat vorgeworfen. Der Zweite Weltkrieg tobt noch, die Stadt ist ständigen Luftangriffen ausgesetzt.

Den nahen Tod vor Augen, findet von Moltke, selbst Jurist, Trost in dem Briefwechsel mit seiner Gattin Freya. Die Briefe sind politisch, durchdrungen von tiefer Religiosität und zeugen von der tiefen Liebe der Verfasser. Abwechselnd lesen Freya und James vor, mit jedem Brief wird die aussichtslose Situation deutlicher und der ständige Kampf gegen die Justiz und die unmenschlichen Repressalien, die die beiden durchleben, ritzen sich mit jeder Zeile tiefer in die Seele des Zuhörers. Nach zwei Stunden ist das sehenswerte Stück zu Ende. Die Zuschauer spenden einen lange anhaltenden Applaus. Eine weitere Aufführung gibt es am 30. März in dem ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld in Frankfurt.

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