„Fast wie ein Solist“

Ungewohnte Proben für Kirchenchor in Mühlheim

Vorbereitung auf die Kirchweih: In den Bankreihen der St.-Markus-Kirche fühlen sich die Chorsängerinnen allein. Und doch sind sie froh, wieder proben zu können.
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Vorbereitung auf die Kirchweih: In den Bankreihen der St.-Markus-Kirche fühlen sich die Chorsängerinnen allein. Und doch sind sie froh, wieder proben zu können.

Der Kirchenchor von St. Markus in Mühlheim hat durch Corona neue Probenbedingungen. Mit mehreren Metern Abstand singt es sich wie ein Solist.

Mühlheim – Ganz versprengt verteilt sich ein Dutzend Frauen in den Bänken. In der mächtigen Kirche wirken sie verloren. Das gewienerte Holz dient längst nicht mehr der Ablage von Gesangbüchern. Dort deponieren sie jetzt den Mund-Nasen-Schutz und eine mitgebrachte Thermoskanne mit Tee oder Kaffee. St. Markus ist der neue Probenraum, aber nicht mal für den ganzen Kirchenchor, der gerade 35 Aktive zählt. Die Aktiven üben aktuell aufgeteilt in Frauen- und Männerstimmen.

Vorsitzender Winfried Pult stellt das strenge Hygienekonzept vor. Es war trotz des weiten Raums Basis für die Erlaubnis durch das Bistum Mainz, den Probenbetrieb Mitte September wieder aufzunehmen zu dürfen. Die Dame am Eingang an der Pfarrgasse trägt wie alle Eintretenden Maske. Den Gast weist sie auf die Flasche mit Spender hin, mit deren Inhalt die Hände desinfiziert werden sollen. Dann hakt sie den Namen der nächsten Kameradin auf der Mitgliederliste ab, erst am persönlichen Sitzplatz darf diese ihren Mund-Nasen-Schutz ablegen.

„Der Abstand von drei Metern weckt ein Gefühl, fast wie ein Solist zu singen“, beschreibt der Vorsitzende die neue Praxis. Zum System gehöre auch, dass allen Sängerinnen und Sängern zum Neustart die desinfizierten Notenordner mit Handschuhen ausgehändigt wurden, erläutert Pult. Diese müssen sie seitdem mit nach Hause nehmen und zu den Terminen mitbringen, die wegen der Trennung nur noch alle 14 Tage stattfinden. Dazu mussten die Teilnehmer unterschreiben, dass sie in kein Risikogebiet reisen.

„Jede Gruppe studiert zwei Stücke ein“, fährt der Vorsitzende fort, „perspektivisch wollen wir die Messe in C-Dur von Anton Bruckner vortragen“. Das lassen die ersten 20 Minuten des Treffens nicht erahnen. Am E-Piano vor dem Ambo, in mindestens zehn Metern Entfernung zur ersten Sängerin, gibt sich die Jüngste im Gotteshaus zu erkennen, Franziska de Gilde. Die neue Leiterin des Chors ist Musik-Studentin an der Hochschule in Frankfurt.

Dass sie seit Kindesbeinen eng mit dem Gesang verbunden ist, zeigt die Dirigentin in jeder Aktion. Engagiert und mitreißend gewinnt sie die Frauen, auf den Vokalen zu heulen, zu jubilieren und zu säuseln. Sie sollen sich zum Aufwärmen aufplustern, die Arme wechselweise in die Höhe recken, ausbreiten und die ausgestreckten Finger auf den Bauch führen. Oder mit den Schultern wippen, klatschen und „Dudaaahahaha“ tönen. Erst dann schlagen die Sopran- und Alt-Stimmen ihre Mappen auf.

„Im Freien ist das ganz schwierig“, winkt Pult ab. „Hier halten wir die Türen offen, nach einer halben Stunde ist Pause und wir machen eine Stoßlüftung.“ Alle waren froh, als es wieder losging, keiner ist weggeblieben, und trotzdem: „Wir fühlen uns in den Bänken allein, hören die anderen nicht“, bestätigen einige Frauen Pults Eindrücke. Auch daran, dass sie Notenblätter per Mail bekommen, mussten sie sich erst gewöhnen.

Dann positioniert sich die Leiterin wieder hinter ihrem Keyboard, singt mit glockenreiner Stimme, großen Augen und großen Gesten den nächsten Part vor, a cappella und ohne Noten. Das beeindruckt ihre Schüler. Sie freuen sich auf ihren ersten Auftritt, der für den Kirchweih-Gottesdienst am Sonntag vorgesehen ist. (Michael Prochnow)

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