„Vom Tellerrand zum Ackerland“

Essbares aus dem Hochbeet: Verein will Sinn für regionalen Anbau schärfen

+
Bereiten alles für das Hochbeet vor, das noch auf dem Wagen steht: Bernd Schwerzel (von links), Matthias Reipert, Volker Schäfer, Frank Sobanski und Mitarbeiter von Zugpferd. 

„Vom Tellerrand zum Ackerland“ lautet das Projekt des Vereins Zugpferd, das sich die Tage von der Idee zur Wirklichkeit wandelt.

Mühlheim – Am Donnerstag bauten Mitarbeiter am Insektenhotel gegenüber des Lämmerspieler Friedhofs für den Obst- und Gartenbauverein Lämmerspiel (OGV) das erste von insgesamt 17 Hochbeeten auf.

Zugpferd, das ist der Verein mit Sitz im Lämmerspieler Wald, der sich im Auftrag der „MainArbeit Offenbach“ und der „ProArbeit Dietzenbach“ 30 Jugendlichen annimmt, deren Schul- und Ausbildungsweg bisher wenig geschmeidig verlief. Die jungen Leute werden in den Bereichen Forstwirtschaft, Umwelt- und Naturschutz sowie Garten- und Landschaftsbau geschult, mit dem Ziel, eventuell eine Ausbildung als Gärtner oder Forstarbeiter anzuschließen.

Zum Verein gehören neben dem Geschäftsführer Frank Sobanski auch Wallach Moritz und der Ziegenbock, den alle „Tante Jürgen“ rufen. Wenn Moritz Stämme aus dem Wald zieht, begleitet Tante Jürgen ihn.

So wie im letzten August nach dem Sturm. „Wir hatten bei Daniel Tybussek angefragt, ob wir uns Bruchholz nehmen können“, erzählt Sobanski. Der Bürgermeister hatte nichts dagegen. Die Hochbeete des Projekts „Vom Tellerrand zum Ackerland“ stammen von den niedergestreckten Fichten. Der Zweck der Aktion liegt vor allem darin, den Sinn für lokale Versorgung und Ernährung zu schärfen. Niemand kann plausibel erklären, warum das Glück des Menschen davon abhängt, das Fleisch von Rindern zu essen, die nicht auf der Weide in Dietesheim, sondern in der argentinischen Pampa grasten. Weißwein von Trauben zu trinken, die in Australien an den Reben hingen und nicht an der Bergstraße, ist ebenfalls unverständlich.

Eigentlich hatte Zugpferd 20 Beete im Angebot, finanziert etwa vom Bundesumweltministerium, dem Land Hessen und dem Forschungszentrum Jülich. Es meldeten sich 17 Interessenten, die sich nun wünschen können, was die Mitarbeiter von Zugpferd ab März Essbares anbauen werden. Vom OGV Lämmerpiel schauen zur Ouvertüre die Vorstandsmitglieder Bernd Schwerzel, Volker Schäfer und Matthias Reipert zu, wie die Zugpferd-Männer alles vorbereiten. Denn einfach nur das Hochbeet zu bringen und abzuladen, das reicht nicht. Es darf nicht direkt auf der Wiese stehen, sondern auf vier Steinplatten mit Luft zum Boden. Ein engmaschiges Gitter hält die Mäuse ab. Darüber liegen Schichten aus groben Ästen, Häckselgut, abgestochener Grasboden, Grün- und Laubabfälle sowie Roh- und Feinkompost samt Muttererde.

Der OGV wünscht sich Kräuter wie Petersilie und Rosmarin. Das Areal zeugt ohnehin von der emsigen Arbeit des OGV, wie sich nicht nur am Insektenhotel sehen lässt. Zu dem gehört die Wildblumenwiese. „Ein Hotel braucht schließlich auch ein Frühstück“, erklärt Volker Schäfer, warum sich anderswo manche wundern, dass niemand einzieht. Schäfer erzählt auch von dem Erlebnis für die Grundschüler, aus einem Kilometer Entfernung einen sieben Meter langen Baumstamm für die Totholzhecke herzuschleppen, „das fühlt sich anders an, als vor dem Computer zu hocken“.

Bis Ende Februar wird die Zugpferd-Mannschaft auch vor dem Mühlheimer Buch- und dem Unverpackt-Laden an der Bahnhofstraße je ein Hochbeet aufstellen, ebenso im Waldkindergarten Wilde Rehkids oder beim Friedrich-Ebert-Gymnasium. Frank Sobanski habe ursprünglich damit gerechnet, auch der eine oder andere Verein würde Interesse bekunden, „es meldete sich aber keiner“.

VON STEFAN MANGOLD

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare