Mühlheim hilft

„Fingerzeig“ aus der Mühlenstadt: Verein Thiogo unterstützt Menschen in Burkina Faso

Auf Besorgungstour in Saaba: Thorsten Ehmann und Brunnenwart Doumia Dakyo transportieren Volanta-Ersatzteile. 
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Auf Besorgungstour in Saaba: Thorsten Ehmann und Brunnenwart Doumia Dakyo transportieren Volanta-Ersatzteile.

Thorsten Ehmann ist Anfang Februar ins Flugzeug gen Westafrika gestiegen. Der Mühlheimer Diplomingenieur für Landschaftsökologie ist Projektleiter beim Verein mit dem etwas sperrigen Namen „Thiogo – Freundeskreis Mühlheim am Main – Nouna / Burkina Faso“.

Mühlheim – Die Vorhaben von Thiogo sind allerdings weniger sperrig, vielmehr lobenswert. Der Verein unterstützt die Landbevölkerung rund um Nouna. Die Gemeinde im Westen von Burkina Faso, das zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, ist Ziel von Ehmanns Reise. Der Mühlheimer verfolgt dort die Entwicklung der Projekte persönlich und berichtet davon in loser Reihenfolge in unserer Zeitung:.

,,Bienvenue à Ouagadougou – bon sèjour au Burkina Faso.’ Wenn die Stewardess mit der freundlichen Stimme die Ankunft in der Hauptstadt des kleinen westafrikanischen Binnenlandes bestätig, geht einem das Herz auf. Willkommen in der zweiten Heimat!

Im Mai 1995, vor fast genau 25 Jahren, war das noch anders. Ein echtes Wagnis – zwei Jahre raus aus der Mühlheimer Geborgenheit in Richtung westafrikanische Savanne südlich der Sahelzone im Kampf gegen Bodenerosion und Wüstenentwicklung. Familie, Freunde, Vereinsleben zurücklassen. Und dann noch anstatt des erhofften Einsatzes in Südamerika nach Westafrika, ins damals drittärmste Land der Welt.

Nun, Anfang Februar 2020 ist die Landung in ,Ouaga’ wie ein nach Hause kommen. Nach ein paar Tagen gar, als wäre man nicht weg gewesen. Die über Monate herbeigesehnte herzliche Begrüßung von engen einheimischen Freunden und Weggefährten, vertraute Wege, Orte, Gerüche ...

Und dennoch hat sich im vergangenen Vierteljahrhundert in Burkina Faso viel verändert. Die Landesbevölkerung hat sich – damals waren es etwa zehn Millionen Einwohner – nahezu verdoppelt. Hatte die Hauptstadt Ouagadougou knapp eine Million Einwohner, tummeln sich heute, das kann niemand so genau sagen, sicher an die drei Millionen Menschen in der Metropole. Und über allem schwebt fühlbar und fast schon erdrückend die Glocke des seit gut vier Jahren über dem bekanntermaßen freundlichen Land hereingebrochenen Terrors.

Über 700 Tote seit 2015, Entführungen, der Zusammenbruch des Bildungs- und Gesundheitssystems im Norden des Landes und mehr als 600 000 Binnenflüchtlinge sind aktuell eine erschütternde Bilanz. Das Auswärtige Amt verschärft stetig die bestehende Teilreisewarnung für das ,Land der aufrechten Menschen’ – so die Übersetzung aus der Landessprache.

Angehörige und Freunde hinterfragen gut gemeint die Notwendigkeit unserer Reise nach Westafrika. Genau an diesem Punkt ist aber auch klar: Ein seit Jahren erfolgreiches Bildungs- und Trinkwasserprojekt braucht weiter Unterstützung und bleibt lebendig durch die Unterstützung vor Ort. Die Menschen gerade jetzt nicht alleine lassen ist bei aller geratener Vorsicht die grundlegende Motivation. So fällt die gemeinsame Reiseplanung mit dem Ex-Kollegen, Freund und Thiogo-Unterstützer, Christian Wille, nicht schwer.

Unser Zuhause ist seit Jahren ein schlichter Bungalow in Gounghin, unweit des ehemaligen Gästehauses des Deutschen Entwicklungsdienstes, wo wir als junge Entwicklungshelfer vor 25 Jahren die ersten Schritte unternahmen.

Nach unzähligen Begrüßungen, Umarmungen und Besuchen reisten in der vergangenen Woche auch unsere Projektpartner aus dem knapp 300 Kilometer entfernten Nouna an: Brunnenfachwart Seko Coulibaly und Gesamtkoordinator Damien Simboro. Der Adoptivsohn der vor zwei Jahren verstorbenen deutschen Initiatorin Rosemarie Kempers ist unser Mann vor Ort. Das ganze Jahr hindurch stehen wir in engem Kontakt mit ihm. Hier entfalten die neuen Medien Whatsapp und Facebook mal eine positive Wirkung. Simboro versorgt uns stetig mit Bildern und Informationen über die aktuelle Lage im Land und auf den verschiedenen Projektebenen.

Der aktuelle Auftrag ist klar: Das 3000-Seelendorf Cissé bei Nouna hat seit geraumer Zeit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser mehr. Die einzigen beiden Tiefbrunnenanlagen sind defekt. Dies meldete uns Simboro bereits gegen Ende des vergangenen Jahres. Das in Cissé nun meist aus offenen Ziehbrunnen geförderte Wasser musste von den Familien seither mit wertvollem Feuerholz abgekocht werden. Die Holzgewinnung geht wiederum zulasten der ohnehin spärlicher werdenden Vegetation im Norden von Burkina Faso.

Im Rahmen des ,Adventsfeuers’ 2019, einer gemeinsamen Veranstaltung unseres Vereins Thiogo mit den ,Altlagerern’ von St. Markus am dritten Advent vergangenen Jahres konnten durch Mühlheimer Spenden just die 900 Euro erzielt werden, die zur Reparatur dieser Brunnenanlage notwendig waren. Ein Fingerzeig, so sehen es zumindest unsere burkinischen Projektpartner. In der katholischen Missionswerkstatt ,Saint Famille’ im Vorort Saaba, wo die Fabrikation des benötigten Models ,Volanta’ läuft, ging es an den Einkauf der Ersatzteile.

Mit ,Farafina Tours’ glücklich beladen zwischen Hühnern, Ziegen und Mofas reisten die Bauteile mit Brunnenwart Seko und Koordinator Damien wieder Richtung Nouna. Umgehend soll die Reparatur erfolgen. Ein wahrlich formidables Beispiel direkter Umsetzung einer Spendeninitiative in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit örtlicher Fachkompetenz.

Wie läuft die Reparatur ab, wie bringen sich die Menschen in Cissé ein, wie sind die Lebensumstände vor Ort? Wir bleiben dran!“

VON THORSTEN EHMANN

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