„Mühlheim verliert ein Symbol“

Stadtparlament stoppt nach Kreistagsbeschluss die Bemühungen um die Fähre

Keine Überfahrt mehr: Zwischen dem Dörnigheimer und dem Mühlheimer endet der 1902 gestartete Fährverkehr, der die Landkreise Offenbach und Main-Kinzig miteinander verbunden hat.
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Keine Überfahrt mehr: Zwischen dem Dörnigheimer und dem Mühlheimer endet der 1902 gestartete Fährverkehr, der die Landkreise Offenbach und Main-Kinzig miteinander verbunden hat.

Die Stadtverordneten haben sich zum Abschied der MS Dörnigheim in ihrer Sitzung noch einmal einen hitzigen Schlagabtausch geliefert. Die Fronten sind klar: CDU und SPD auf der einen gegen Grüne und Bürger für Mühlheim (BfM) auf der anderen Seite.

Mühlheim – Nachdem der Kreistag einen Tag zuvor das Ende der MS Dörnigheim mit den Stimmen von CDU und SPD beschlossen hatte (wir berichteten), nickten auch die Großkoalitionäre der Mühlenstadt das Aus der Fährverbindung ab. Zuvor hatte das Thema Fähre seit November 2016 „ganze 55 Mal auf der Agenda der Stadtverordnetenversammlung und den Ausschüssen gestanden“, merkt Karl-Heinz Schmunck (SPD) während der Sitzung an. „Ein rabenschwarzer und tieftrauriger Tag für uns Mühlheimer“, meint Bernhard Feig (Grüne). „Mühlheim verliert ein Symbol – wir alle haben für die Fähre gekämpft“, stellt Matthias Müller (SPD) fest. Jede Fraktion bekundet ihr Bedauern über das Aus der Fährverbindung nach fast 120 Jahren. Während Sozial- und Christdemokraten in Kreis und Stadt auf die Faktenlage verweisen – kein Fährpersonal auf dem Markt, defizitärer Betrieb, rechtliche Unwägbarkeiten wegen des privaten Fährbetreibers in Rumpenheim –, will die Opposition das Aus nicht einfach so akzeptieren und versucht, dem – erfolglos – mit Anträgen entgegenzuwirken.

Die Koalition sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, nicht genug für den Erhalt der Fähre getan zu haben. „Totalversagen der Mehrheiten“ und „systematisch auf das Aus hingearbeitet“ kritisieren die Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Volker Westphal, und Dr. Jürgen Ries (BfM). Von „Hasstiraden“ und „schüren von falschen Erwartungen“ der Opposition sprechen dagegen Thomas Schmidt (SPD) und CDU-Fraktionschef Marius Schwabe. In der Debatte schwingt viel Wahlkampf mit, und die Frage: Wie werden die Bürger das Fähren-Aus bei der Kommunalwahl bewerten?

Die Große Koalition verweist konstant auf die Faktenlage und wirbt für deren Akzeptanz. Trotz vieler Anstrengungen sei es nicht gelungen, Fährleute am Markt zu akquirieren, sagt Bürgermeister Daniel Tybussek (SPD), der von einem „bitteren und traurigen Moment“ spricht. Auch wenn die dauerhafte Einstellung der Fähre „unzweifelhaft mehr als bedauerlich“ sei, sei sie alternativlos, schreiben die Mühlheimer Kreistagsabgeordneten Ingeborg Fischer und Karl-Heinz Stier (beide SPD) sowie Dr. Alexander Krey (CDU) in einer gemeinsamen Erklärung. „Die Bürger haben ein Recht darauf, dass ihnen keine haltlosen Versprechungen gemacht werden, ihnen suggeriert wird, die Fähre könnte wieder fahren, wenn nur noch eine weitere Ausschreibungsrunde folgen würde.“

In der gemeinsamen Erklärung heißt es weiter: „Populismus, wie ihn die Oppositionsparteien unter dem Deckmantel einer Bürgerinitiative derzeit betreiben, führt nur zu Politikverdruss und vielen falschen Hoffnungen.“ Erster Stadtrat Krey betont, es gehe auch um Sicherheit: „Um es klar zu sagen: Ohne diese Havarie würde die Fähre heute wieder fahren.“ Sozialdemokrat Müller merkt an: Es sei der Erfolg des Mühlheimer Parlaments, dass der Kreis die Fähre zweimal ausgeschrieben habe. Zudem gibt Müller während der Sitzung Einblicke in den Binnenschiffermarkt, beschreibt „ungeschminkt“ die Situation „jenseits aller Verschwörungstheorien, aller Hinterzimmer-Rhetorik“. Seine Onlinerecherche und eine Korrespondenz mit dem Historiker und Fährmann Alexander Bohrer habe deutlich gemacht, dass kein Binnenschiffer Interesse an dem Betrieb der Fähre habe. Auch nennt er Kosten für mögliche neue Fährmodelle. Der Beitrag wird immer wieder von Zwischenrufen der Opposition unterbrochen. „Wer diese Fähre kaufen will, beglückt Mühlheim mit einer Biogasanlage en Miniature“, sagt Müller Richtung Petra Schneider (BfM), die mit ihrer Fraktion für den Antrag geworben hat, die Stadt solle die MS Dörnigheim zu einem symbolischen Preis von einem Euro kaufen und zusammen mit den Stadtwerken die Fährverbindung betreiben.

„Wenn es konstruktiver gelaufen wäre, hätten wir heute noch eine Fähre“, meint Simon Stübinger. Die Grünen hätten immer gesagt, man müsse Geld für die Modernisierung in die Hand nehmen.“ Dass die Fähre nicht mehr auf dem neusten Stand sei, „sagen wir seit Jahren“, schmipft Ries. Die Große Koalition drehe sich die Argumente immer so, wie es gerade passe: „Wir geben 200 000 Euro für eine Trinkhalle am Hallenbad aus, dieses Geld wäre sinnvoller in einer Fähre angelegt.“ Ries fordert die Koalition auf, die Entscheidung des Kreistags nicht auch noch zu unterstützen: „Wenn wir im Kreis schon nichts zu sagen haben, müssen wir nicht auch noch klatschen, wenn sie uns vors Schienbein treten.“ Man beschließe, die Identität von Mühlheim zu verkaufen, sagt Fraktionskollege Ewald Renner. Es gebe keinen Zwang, dem Kreis zuzustimmen.

Sozial- und Christdemokraten sind sich einig, das Thema Fähre wegen der Faktenlage zu beenden und stimmen der Beschlussvorlage des Magistrats zu, auch wenn Westphal ankündigt: „Der Dauerbrenner ,Keine Sitzung ohne Fähre’ geht weiter.“ VON RONNY PAUL

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