Vor- und frühgeschichtliche Arbeitsgruppe

Sonderführung zeigt Waffen der Ahnen

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Johann Ettl wirft die Speerschleuder, die Matthias Kiel (links) nach historischem Vorbild baute. Ohne groß zu üben, lassen sich damit 60 Meter erzielen.

Mühlheim - Zum dritten Mal hat die Vor- und Frühgeschichtliche Arbeitsgruppe Mühlheim am zur Sondervorführung auf das Areal am Parkplatz an der Stadtgrenze zu Steinheim eingeladen. Für die Besucher gab es dabei auch Einblicke in die Kriegsführung längst vergangener Zeiten. Von Stefan Mangold 

„Hier liegt eine der wichtigsten europäischen Fundstellen aus dem Spätpaläolithikum, also 12.000 bis 8000 vor Christus“, erklärt Richard Plackinger, der wie Horst Becker zu denen gehört, die hier ab 1977 unter der Leitung des Kölner Prähistorikers Prof. Gerhard Bosinski mit aller Vorsicht gruben. Becker ist der Spezialist, der aus jedem Abguss eines Fundes am Ende einen Bronzeguss schaffen kann, der selbst wie eine Antiquität wirkt. Verklären lassen sich die prähistorischen Zeiten nicht wirklich, auch wenn der Mensch seine Umwelt noch nicht zerstörte. Das lag aber weniger an der Einsicht, sondern eher daran, dass die technischen Möglichkeiten fehlten. „Ein Leben spielte wohl keine große Rolle“, vermutet ein Besucher im Gespräch mit Oliver Littmann, dem Mann, der wie unsere Vorfahren mit Kieselsteinen und Tierhörnern aus Feuersteinen Messer fabriziert.

Littmann erzählt von der Schlacht im Tollensetal. Von der erfuhren Archäologen, nachdem 1996 ein Mann im Schlauchboot über die Tollense geschippert war, ein Fluss in Mecklenburg-Vorpommern. Aus einer Uferböschung ragte bei Niedrigwasser ein menschlicher Oberarmknochen. Kein Fall für die Polizei, auch wenn eine Pfeilspitze auf ein Tötungsdelikt deutete. Zwischen 1300 bis 1200 vor Christus kamen dort in einem Konflikt schätzungsweise 1000 Menschen ums Leben. Littmann erklärt, dass es sich wohl um einen Krieg zwischen Bronze und Steinzeit handelte, „die einen hatten schon das Metall, die anderen wollten es“. Richard Plackinger zeigt eine Pfeilspitze, an der sich erkennen lässt, dass der Homo der Homo sapiens nicht erst in der Neuzeit seinen Hang zum Fiesen und Gemeinen entdeckte. Aerodynamisch ist die Spitze so geschnitzt, dass der Pfeil im Flug rotiert, um sich so tief wie möglich ins tierische oder menschliche Fleisch zu bohren.

Auf der Wiese nebenan demonstrieren Matthias Kiel und Johann Ettl, wie der prähistorische Mensch tödlich schoss und warf. Der moderne Schießsport mit Pfeil und Bogen hat fast nur noch den Namen mit den Waffen von damals gemeinsam. Ettl erzählt, mit den Hightech-Geräten, die bei Olympischen Spielen zum Einsatz kommen, habe er noch nie etwas am Hut gehabt. Der in der Steiermark aufgewachsene 66-Jährige, der sich vor 45 Jahren aus beruflichen Gründen in der Hanauer Gegend niederließ, gewann schon die hessische Meisterschaft: mit dem Langbogen, dem jeglicher Schnickschnack fehlt. Regelmäßig trainiert der Mann, der sein volles Haar wie ein Indianer bindet, auf dem Gelände der Schützengilde Hainstadt, wo man moderne Bögen meidet.

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Ettl spricht von „Instinktschießen“, was zwar bedeutet, nicht über Schaft und Visier zu zielen, aber auch nicht nach „Pi mal Daumen“ und der blinden Hoffnung, „das Ding wird schon treffen“. Ein Merkmal: Der Schütze hält beide Augen offen. Ettl vergleicht den Vorgang mit einer Disziplin, der so mancher im Büro zumindest gelegentlich frönt: „Wer mit Papierkugeln den Korb treffen will, zielt in der Regel ganz ähnlich.“

Neben Ettl demonstriert dessen Kumpel Matthias Kiel seine selbst gebaute Kombination aus Speer und Schleuder. An seinem Ende ist der Speer so angespitzt, dass ein Stachel in das Löchlein eines gebogenen Steckens passt. So kann Kiel, der schon vom Pferd aus schießend die hessische Vizemeisterschaft in dieser Disziplin gewann, den Speer auch ohne viel Training 60 Meter weit werfen.

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