Auf Halbachtstellung

DRK wegen Coronavirus in Alarmbereitschaft

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Gerüstet für den Ernstfall: DRK-Vorsitzender Rainer Schmitt (links) und seine Mitstreiter. 

Rainer Schmitt, Vorsitzender des DRK Mühlheim, spricht über die Arbeit der Rotkreuzler in der Coronavirus-Krise - und klagt über Unfallgaffer. 

Mühlheim – Zu den Sanitätern vom Deutschen Roten Kreuz gehören auch jene, die sich auf Festen um Leute kümmern, denen der Kreislauf wegsackt oder das Bier zu Kopf steigt. Das alles fällt zur Zeit aus. Wegen des Coronavirus. Im Moment verharren die Mühlheimer Helfer in Habachtstellung. Der Vorsitzende Rainer Schmitt erzählt auch davon, wie sich die Ehrenamtlichen oft anpöbeln lassen müssen.

„Das DRK befindet sich gerade auf der Stufe vor dem Alarm“, erklärt Schmitt. Das heißt, binnen weniger Stunden könnten Akteure etwa im Bürgerpark ein Lazarett aus Zelten und Liegen aufbauen. Die Mühlheimer Rotkreuzler dürften dann viel zu tun haben. „Zwar haben wir hier gut 1000 passive Mitglieder“, erzählt Schmitt, „aber die Aktiven sind nur noch zu zehnt“. Die Rede ist von denen, die top ausgebildet und zu weit mehr in der Lage sind, als Ohnmächtige in die stabile Seitenlage zu legen.

Rainer Schmitt trat als 14-Jähriger dem Roten Kreuz bei. Vater Friedrich hatte nach dem Krieg das Mühlheimer DRK wieder erweckt. Sport sei nicht unbedingt seine Sache gewesen, erinnert sich Rainer Schmitt an einen der Gründe, warum er lieber ins DRK eintrat als in den Fußballverein. Zudem habe er schon früh erkannt, „dass es ein gutes Gefühl sein kann, anderen zu helfen“.

Schmitt stand mit Kollegen am Spielfeldrand, wenn etwa der FC Kickers Viktoria in der drittklassigen Hessenliga mitunter vor tausenden Zuschauern spielte. Nicht nur einmal rannte der Mühlheimer mit der Trage auf den Rasen, um einen verletzten Spieler zu holen. Damals sei es noch undenkbar gewesen, dass einen irgendwelche Leute beschimpften, geschweige denn angriffen. Vom Rand rief vielleicht mal einer „Sani, renn‘ schneller“, das habe man aber humorig genommen.

Die Stimmung veränderte sich vor allem in den vergangenen zehn Jahren, beobachtet Schmitt, der 2004 den Vorsitz des DRK Mühlheim übernahm. Seitdem hat er mit Verwaltungsaufgaben genug zu tun, „ich bin längst nicht mehr als Sanitäter vor Ort“. Aber er bekommt berichtet, wie es dort zugeht.

In bestimmten Vierteln im Kreis Offenbach sind die Rettungskräfte oft von einer Menschentraube umgeben, „wichtig ist es erst mal, zu eruieren, was überhaupt los ist“. Es fällt schwer, sich zu konzentrieren, wenn die Leute mit viel Tagesfreizeit „jetzt mach doch mal“ brüllen oder die Retter schubsen. Das passiert auch in Wohnungen, wenn die ganze Familie meint, sich lauthals engagieren zu müssen, statt das Feld denen zu überlassen, die tatsächlich in der Lage sind, einem Herzinfarktpatienten das Leben zu retten.

Schmitt hält wenig davon, an die Vernunft zu appellieren, „für Leute, die an Unfallorten das Handy zücken, müsste es schmerzhafte vierstellige Geldbußen geben, die auch eingetrieben werden. So was spricht sich herum“.

Schmitt hatte Mühlheim nur einmal für drei Jahre verlassen, um in Köln Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Versicherungswesen zu studieren. Der Aufenthalt fern der Heimat lohnte sich im doppelten Sinne. Zum einen kehrte er mit einem Abschluss zurück, zum anderen mit einer Kommilitonin, der Finnin Anitta. Die baldige Gattin wusste natürlich schon vor der Heirat, dass ihr Mann kein Hobby pflegt, dem er im Keller nachgehen kann. Seit 1974 sitzt Schmitt im Vorstand des DRK, ein Jahr später kam das erste von zwei Kindern zur Welt.

Bei allem Ärger mit Idioten bei Einsatzorten bekommt er jedoch auch positive Rückmeldungen für die Arbeit des DRK. Im letzten Jahr landete von einem Mühlheimer mit Herzinfarkt ein Brief auf dem Tisch, in dem stand: „Ohne euch könnte ich die Zeilen nicht mehr schreiben.“ Was den wohl nahenden Katastropheneinsatz in Sachen Corona betrifft, ist klar: „Wir stehen in den Startlöchern.“

VON STEFAN MANGOLD

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