Per Mausklick in die „Gud Stubb’“

Willy-Brandt-Hallen-Chef Martin Deiß hilft Tom Jet beim virtuellen Rudel-Sing-Sang

Nach kleinen Startschwierigkeiten hat Martin Deiß die Technik fest im Griff und Tom Jet animiert die Zuschauer zum Mitsingen.
+
Nach kleinen Startschwierigkeiten hat Martin Deiß die Technik fest im Griff und Tom Jet animiert die Zuschauer zum Mitsingen.

Anfang Mai. Es ist die Zeit, in der Martin Deiß Mühlheimer Vereine öfter zu Gesicht bekommen als seine Familie. Der Geschäftsführer der Willy-Brandt-Halle könnte an seinem Arbeitsplatz übernachten, so viel gäbe es diesen Wochen zu tun. Gäbe.

Mühlheim – Auch jetzt könnte man prima in der Halle übernachten, hätte Platz und Ruhe dazu  – außer wenn Tom Jet seinen Rudel-Sing-Sang fürs Internet produziert  .

Mit einem kräftigen Pausengong und 18 Minuten Verspätung springt der Hausener Musiker ins Bild, bittet immer wieder um Entschuldigung für das Malheur. Einer der Computer hat automatisch begonnen, ein Programm neu zu laden, und ließ sich selbst von dem mit allen Wassern gewaschenen Organisator Deiß nicht aufhalten. Jetzt monieren Zuschauer in Kommentaren den Ton, der nur sehr leise rüber komme, liest Tom vor.

Auch dafür gibt es keinen Schuldigen – aber einen findigen Forscher, der ein defektes Kabel als Ursache ausmacht. Ausgetauscht und los geht’s mit dem ersten virtuellen Mitsing-Abend aus der Willy-Brandt-Halle. „Ich kann euch nicht sehen“, lamentiert der Mann mit der nagelneuen Gitarre am Hals. „Im schlimmsten Fall sitzt ihr da alleine mit einer Flasche Wein oder Bier“, malt er sich aus und fordert sein Publikum auf, „macht Fotos von euch, wie ihr da sitzt, hockt, singt, tanzt“. Der Bandleader möchte eine Art Fotoalbum erstellen, seinen Chor mit Masken und Schütteleiern verewigen.

Dann startet die Ein-Mann-Show das Einsingen mit „Ba-ba-ba-ba-barbra Ann“ von den Beach Boys. Es folgt der „Ring Of Fire“ von Johnny Cash mit viel Cowboy-Jiieehaaa. „Ihr habt die Stimme genial getroffen“, lobhudelt der Vorsänger. „Ich hör’ zwar nix, aber es strahlt bis hierher!“

In neuem Glanz erstrahlt auch der komplette Windfang von Mühlheims „Gud Stubb’“. Auch dem Untergeschoss mit der Besucher-Garderobe und den Toiletten haben Martin Deiß, die beiden Hausmeister und die Putzfrau erstmals frische Farbe verliehen, seitdem das Haus im September 1973 eingeweiht wurde. Das Foyer inklusive Decke bekommt den Pinsel noch zu spüren, „erstmals nachdem das Rauchverbot eingeführt worden ist“, konkretisiert der Chef. „Und wir haben noch sehr viel Farbe.“

„Uns ist die Geschäftsgrundlage entzogen“, stellt der Geschäftsführer klar. „Das Land gibt einfach keinen konkreten Zeitplan, vor allem fehlt die Definition von Großveranstaltungen, die bis Ende August verboten sind“, klagt er. „So ist keine Vorbereitung möglich.“ Also treibt er die Rückabwicklung oder Verlegung von Veranstaltungen voran. Fünf Abibälle sind abgesagt, dazu Tagungen, eine Betriebsversammlung und eine Produktschulung.

Acht Hochzeiten wurden verschoben, ein Frankfurter Gymnasium hat gar bereits seine gebuchte Abiturfeier für 2021 storniert. Noch nicht abgesagt seien eine Gesundheitsmesse im August und eine Tagung mit 300 Personen im September. Dafür hofft Deiß auf eine Realisierung mit begrenztem Zugang. Bis dahin führt er weiter Arbeiten, die sonst fremd vergeben wären, selbst aus. So hat er die Beschallungsanlage komplett auseinandergenommen, gewartet und optimiert, die Brandmeldeanlage entsprechend der TÜV-Vorgaben erweitert, die Paneelen abgewischt.

Auch Lokalmatador Tom Jet hat sich umgestellt, versucht wie viele seiner Kollegen, mit Auftritten via Internet ein bisschen Geld zu verdienen. „Eigentlich wären wir am 1. Mai zum Start in den Sommer fast in meinem Wohnzimmer“, nämlich beim Maifest des DRK in Hausen, sagt er.

VON MICHAEL PROCHNOW

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare