Erledigten nur unsere Arbeit

Zwölftklässler präsentieren ihr Projekt „Auschwitz“

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Zwillinge gehörten zu den „Forschungsobjekten“ von SS-Ärzten in den Konzentrationslagern. Wenige überlebten das Martyrium.

Mühlheim - Mehr als 30 Schüler des Mühlheimer Friedrich-Ebert-Gymnasiums (FEG) haben das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz, fast inmitten der polnischen Stadt Oswiecim, besucht. Jetzt stellten die Zwölftklässler ihre Projektergebnisse vor. Von Stefan Mangold 

Zwar beschäftigten sich schon ganze Generationen des Mühlheimer Friedrich-Ebert-Gymnasiums mit dem Thema Auschwitz. „Aber es ist nie dasselbe“, sagt Schulleiter Stefan Sturm, der neben Bürgermeister Daniel Tybussek und Landrat Oliver Quilling spricht, bevor die Gymnasiasten die Ergebnisse des diesjährigen Auschwitz-Projekts präsentieren. Geschichtslehrer Michael Schmidt, der das Projekt mit seiner Kollegin Julia Dubb betreute, erzählt von der veränderten Wahrnehmung der Mühlheimer Gymnasiasten zum Holocaust.

Ein großes Thema der 68er war die konkrete Frage an Vertreter der älteren Generationen: „Was hast du während der Nazizeit gemacht?“ Der Grundtenor lautete, lediglich seine Pflicht erfüllt zu haben. Und überhaupt, man solle die Vergangenheit doch endlich ruhen lassen. Etwas wie ein kollektives Schuldgefühl entwickelten erst nachfolgende Generationen.

Das habe er noch vor zehn Jahren beobachtet, erklärt Schmidt. Trotz des Wissens um die Irrationalität hätten die Jugendlichen von ihrem Schamgefühl als Deutsche in Auschwitz berichtet. Erst die jetzige Generation, deren Großeltern zu spät geboren sind, um Täter zu sein, habe Distanz gefunden, sei unabhängig von der deutschen Identität in der Lage, die Ereignisse zu historisieren.

Schulleiter Sturm zieht den Bogen zur Tagesaktualität. Sonst präsentieren die FEG-Schüler die Ergebnisse ihres Auschwitz-Projekts im Jugendzentrum an der Rodaustraße. Wegen der Flüchtlinge, die dort gerade leben, zogen die FEGler in den Gemeindesaal des Pfarrheims von St. Sebastian Dietesheim. Der Schulleiter spricht auf der einen Seite von der Hilfsbereitschaft in Deutschland, auf der anderen von jenen, die eine Pogromstimmung verbreiten. „Meist geht das mit einem Mangel an politischer und historischer Bildung einher.“

Aber auch mit dem simplen Willen, andere zu quälen. An einer Stelle im Vortrag der Gymnasiasten taucht die Metapher der Hölle auf. Ein naheliegendes Bild. Höllenbeschreibungen im Laufe der Jahrhunderte wirken generell wie Protokolle sadistischer Phantasien. In Auschwitz konnten die Täter solches ausleben. In einem fiktiven Prozess trägt auf der Bühne eine Frau als Zeugin ihre Erlebnisse mit dem angeklagten Arzt vor, der sie im Lager zu Forschungszwecken ohne Narkose sterilisierte: „Mein Bauch fühlte sich an, als ob er gleich platzt.“ Als sie schreit, herrscht der Mediziner, der einst den Hippokratischen Eid schwor, sie an, zu schweigen.

Gedenken an die Opfer des Holocaust

An anderer Stelle spritzt jener Arzt zu Forschungszwecken Zwillingskindern ein Hormon, das das Wachstum der Niere stoppen soll. „Er tat es aus freiem Willen, wir haben es gesehen“, sagt die Zeugin über den Mann, der sich auf den Befehlsnotstand beruft. „Wir erledigten nur unsere Arbeit“, bezeugt sein ehemaliger Assistenzarzt.

Ihren Alltag empfanden die Offiziere als „anstrengend“, wie die Schüler vortragen, die zu verschiedenen Themen vor Ort forschten. Auch über das Orchester, das Märsche von Franz von Suppé oder Johann Strauß intonierte, wenn die Häftlinge von der Arbeit zurückkehrten. Eine Geigerin erzählt, wie sich der Lagerführer Robert Schuhmanns „Träumerei“ von einem Pianisten wünscht. Als der spielt, fließen dem Massenmörder die Tränen. Adam Kopycinski, der Dirigent des Orchesters, sprach später von einer „perversen Ironie“.

Die Musiker galten als privilegiert. Ihre Baracken ließen sich heizen. Die Hölle sind immer auch die anderen. Manche Mithäftlinge beschimpften die Mitglieder der zwei nach Geschlechtern getrennten Orchester im Vorbeigehen als „Schlampen und Drückeberger“. Als ob sie nicht selbst nach jedem Rettungshalm gegriffen hätten.

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