Mitten im Lebenstraum

Mühlheimer Bildhauer Reinhold Mehling zeigt neue Holzskulpturen

„Uferkunst“: Der Mühlheimer Reinhold Mehling neben einem ausgehöhlten Frauentorso ins einem Skulpturenpark am Main.
+
„Uferkunst“: Der Mühlheimer Reinhold Mehling neben einem ausgehöhlten Frauentorso ins einem Skulpturenpark am Main.

In einem Alter, in dem andere in Rente sind und ihren Ruhestand genießen, läuft der Mühlheimer Bildhauer Reinhold Mehling zur künstlerischen Hochform auf.

Mühlheim – Das sieht man in seinem seit zehn Jahren bestehenden Atelier und Skulpturenpark „Uferkunst“ direkt am Main, demnächst auch bei den Rumpenheimer Kunsttagen am 19. und 20. September und bei der Kunstmesse „ARTe Wiesbaden“ am 25. bis 27. September im Rhein-Main-Congress-Center.

Radfahrer halten an und Spaziergänger bleiben stehen, wenn sie Mehlings „Uferkunst“-Park direkt am Main-Radweg vor sich sehen. Der 1949 geborene Künstler, der gerne ein wenig provoziert, hat eine farbig gefasste Holz-Ratte als sexistische Parodie auf eine Bank am Fluss gesetzt, gegenüber fängt eine farbige Main-Nixe nicht nur männliche Blicke ein. Bei schönem Wetter steht nicht selten die Tür zum großen Kunstgarten auf, ein Metallschild lädt zur Uferkunst ein. „Ich mache das gerne, wenn ich hier im Freien am Arbeiten bin oder auch eine Pause mache und meinen Cappuccino trinke, um den Leuten meine Kunst näher zu bringen“, sagt Mehling. Auf eine Wand vor seinem Werkstatthaus hat er sein Credo gesprüht: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Zuweilen lädt der Bildhauer auch andere, oft junge Künstler zum gemeinsamen Arbeiten ein wie zuletzt den Hainburger Metallbildhauer Chris Ködel.

Mühlheimer Reinhold Mehling: „Man soll Kunst nicht zu tierisch ernst nehmen“

Bei aller Lockerheit – „Man soll Kunst nicht zu tierisch ernst nehmen“ – ist Mehling aber ein zielbewusster und konzentrierter Holzwerker, der mit seinen sechs Kettensägen am Holz virtuos und schnell zu arbeiten versteht. Seinen Körper hält er zusätzlich durch Schwimmen im Main oder Fahren mit dem Rennrad fit. Mehling zu seiner Inspiration: „Obwohl ich im rauen Frankfurter Gallusviertel aufgewachsen bin, wo es in der Schule nie Kunstunterricht gab, habe ich ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen entwickelt. Meistens sehe ich genau vor mir, was ich sägen will“. Dann geht der autodidaktische Spätentwickler auf seine künstlerische Laufbahn ein. Von Kind an hat er ständig gezeichnet und gemalt. Eine künstlerische Ausbildung kam bei dem auf dem Zweiten Bildungsweg geschulten Betriebswirt nicht zustande. Als er jedoch 2008 beim Urlaub in der Provence lernte, Stein zu bearbeiten, war das seine Initialzündung. Er verkaufte seine Vertriebsfirma für Frankiermaschinen und widmete sich zunächst der Steinbildhauerei. 2010 erwarb er das schöne Naturgelände an der Grenze zwischen Mühlheim und Steinheim und gründete dort seine „Uferkunst“. Seine erste Ausstellung hatte er im Schanz. Dann lief alles wie von selbst: „Seitdem werde ich eingeladen zu Ausstellungen oder Kunstschauen, besonders gern bin ich beim Aschaffenburger Kunstwerk-Projekt dabei in leer stehenden Industriehallen, zu dem oft über 5000 Besucher kommen.“ 2019 war Mehling „Artist in residence“ bei den Rumpenheimer Kunsttagen“, nun vertritt er die Region bei der neu gegründeten „ARTe Wiesbaden“.

Künstler Mehling lebt seit 45 Jahren in Mühlheim

Wer nicht bis September warten will, in dem Mehling am Marstall des Rumpenheimer Schlosses beim „Blickwechsel“ des Designers Wolfgang Uhl ausstellt, kann sich neue und ältere Werke beim Künstler direkt ansehen, der sich auch „Holzbildsäger“ nennt. Sein Material bekommt er umweltverträglich aus der Region. Oft wird er angerufen vom Lämmerspieler Verein „Zugpferd“, wenn gerade gutes Holz zur Verfügung steht. Oder er wird eingeladen zur fallenden Kastanie am Alten Friedhof und zur vom Sturm gefällten Blutbuche im Wilhelmsbader Park, von der sich Mehling mit dem Lader ein Stammstück von einer Tonne Gewicht an den Main bringen lässt. Kürzlich spendierte ihm ein Nachbar einen Nussbaum aus seinem Garten. Die dynamischen Figuren der Wilhelmsbader Blutbuche verbleiben nun in Mehlings Reich, sie sind kaum transportabel. Andere Motive wie sich rekelnde, expressiv gesägte und geschnittene Frauenakte, weich oder kühn gekurvte, geglättete, fast abstrakte Torsi oder bis zu zarter Holzhülle ausgeschälte Körperskulpturen von barocker Fülle sprechen von Mehlings Imagination und Vielseitigkeit. Sie sind zu erwerben.

Gespannt ist der Bildhauer auf eine neue Serie aus Metall. Eine Frankfurter Firma hat einen 3-D-Drucker mit integriertem Schweißgerät gebaut und verwandelt eingescannte Holzwerke Mehlings in metallglänzende Figuren. „Durch die vielen Nähte, für die allein 1200 Euro für Schweißdrähte anfallen, wirkt das beinahe brutal – ich bin gespannt, wie die Leute reagieren“, sagt Mehling, der seit 45 Jahren in der Mühlenstadt lebt. Er steckt mitten in seinem Lebenstraum.

Infos: Reinhold Mehling, Zehn Jahre „Uferkunst“, 0178 8840026. (Von Reinhold Gries)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare