„Im kalten Wasser zählt jede Sekunde“

Mühlheimer DLRG und Feuerwehr warnen vor unterschätzten Gefahren bei Hochwasser und Eis

Hochwasser führt derzeit der Main.
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Hochwasser führt derzeit der Main.

So lange der Main nicht ans Kellerfenster klopft, ist Hochwasser für manche doch eine Attraktion. Und Bootfahren auf dem Scheitel der Strömung ein feuchtfröhliches Abenteuer, oder? Die Wasserretter der DLRG und die Ehrenamtlichen der Mühlheimer Feuerwehren sind nicht als Spaßbremsen und Spielverderber bekannt, im Gegenteil. Aber vor solch vermeintlichen Vergnügen mahnen sie in diesen Tagen eindringlich.

Mühlheim - Max Sievers, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit in der DLRG-Ortsgruppe und Mitglied im Mediateam der Mühlheimer Wehr, warnt auf Nachfrage ausdrücklich davor, durch überschwemmte Flächen zu stiefeln. „Auch im Flachwasser gibt’s stärkere Strömungen“, informiert der Helfer. In der Mitte des Flusses herrsche derzeit eine enorme Schubkraft, die selbst geübte Schwimmer unter Wasser ziehen könne.

„Bei einer Fließgeschwindigkeit von drei bis vier Metern pro Sekunde wird ein Körper in kürzester Zeit mehrere hundert Meter weit abgetrieben“, verdeutlicht der Retter, „das unterschätzen viele“. Und noch etwas hätten zahlreiche Spaziergänger nicht im Blick: „Ist der Main aus seinem Bett getreten, schwemmt er Böden am Ufer auf, die vorher fest waren.“ So entstünden Matsch und Hohlräume, „Kinder, die im flachen Wasser toben, können umknicken und in den Fluss fallen.“

Die Retter raten auch dringend von Wassersport ab. „Fanatiker wollen die Strömung zu einer flotten Fahrt nutzen“, skizziert der Sprecher ein anderes Szenario. Doch solche Ausflüge seien in Paddel- oder Ruderboot, mit Kanu wie Kajak unkalkulierbar. „Wenn du umkippst, treiben Boot, Paddel und du selbst ab.“ Die Faustregel laute, wenn die Schifffahrt eingestellt ist, sollte auch kein Sport getrieben werden. Besonders an Wehren herrsche Lebensgefahr, auch dort könne man unter Wasser gezogen werden.

Ist doch jemand in den Fluss gefallen, gelte es, Ruhe zu bewahren. „Nur absolute Profis sollten hinterherspringen“, mahnt Sievers. Es gelte, zuerst einen Notruf abzusetzen und mitzuteilen, wo man sich befindet – oberhalb oder unterhalb welcher Schleuse, „das grenzt den Suchradius ein“. Passanten sollten gebeten werden, die Person in Not im Auge zu behalten, sich die letzte Position zu merken. Die Rettungskräfte steuern eine zentrale Einsatzstelle an. Die Mühlheimer Feuerwehr verfügt über ein Mehrzweck-, die Dietesheimer über ein Schlauchboot, das schnell einsatzbereit, aber wegen der Strömung und gegen den Strom schwer zu steuern sei. Die DLRG hat ein Mehrzweck- und ein Rettungsboot. Bei regelmäßigen Übungen bereiten sich die Aktiven auf solche Einsätze vor.

Diese seien zum Glück selten. „Die Leute sind doch vernünftig“, lobt der Pressemann.

Bei zweistelligen Minus-Temperaturen und Sonnenschein am Wochenende werde man aber auf der Hut sein, auch im Naherholungsgebiet Steinbrüche. Die Seen dort beginnen zuzufrieren, „die Besucher überschätzen aber die Tragfähigkeit“, heißt es. „Die Mindestdicke bei stehenden Gewässern ist fünf Zentimeter, bei Flüssen muss die Eisschicht 15 bis 20 Zentimeter messen“, und die sei selbst bei langer Kälte nicht garantiert.

Zuläufe und Lufteinschlüsse ließen das Eis oft am Rand dick und in der Mitte dünner ausformen oder umgekehrt. Am Ufer verursache auch der Bodenbewuchs Gefahren, „Personen können beim erstem Schritt einbrechen“. Sievers weist darauf hin, dass die Stadt keinen See freigegeben habe, im Naturschutzgebiet sei das Betreten generell verboten. Schilder weisen auf die Ordnungswidrigkeit hin, die 100 Euro Strafe nach sich zieht. Ist doch jemand eingebrochen, muss auch hier zuerst der Notruf gewählt werden. „Im kalten Wasser zählt jede Sekunde“, betont der Experte, ein Herz-Kreislauf-Stillstand müsse vermieden werden. „Zuerst werden die Extremitäten taub, irgendwann wird’s dunkel, ein Schockzustand tritt ein.“ Wer sich eine Rettungsaktion zutraut, soll sein Gewicht auf dem Eis verteilen, auf dem Bauch zum Eingebrochenen robben, ihm Kleidungsstücke oder Stöcke zum Herausziehen reichen.

Methoden, mit denen sich Verunglückte selbst befreien können, erfordern Kraft und Technik, „aber es ist ein Versuch wert“. Nach der Rettung müsse die Person in jedem Fall liegen bleiben, damit sich nicht kaltes mit warmem Blut vermischt. Die Wasserretter verfügen für solche Einsätze über einen aufblasbaren Schlitten. Rund zwei Dutzend Aktive sind geschult, 400 Mitglieder zählt die Gruppe mit Kinder- und Jugendteams sowie fördernden Mitstreitern. Weitere Infos auf muehlheim.dlrg.de (Von Michael Prochnow)

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